Sonntag, 8. Juli 2018

Mikrostory: Fette Männer in Fallschirmseide


 

Fette Männer in Fallschirmseide



Mitten in der Nacht weckt Ella ein Schluchzen, das bedrohlich nahe klingt. Benommen richtet sie sich auf, lauscht. Es ist ihr Schluchzen. Ein trockener Weinkrampf rüttelt ihren mageren Körper, und in ihrer Brust, die sich eng und hohl anfühlt, zucken Stiche. Macht ihr Angst. Angestrengt sieht sie in die Nacht, deren Schwärze dann und wann von den grellen Leuchtfeuern der Bar gegenüber durchbrochen wird, die gerade ein paar lärmende Besucher entläßt. Das Leuchtblatt des Weckers signalisiert kurz vor zwei. Oh mein Gott, jetzt werde ich wieder wach liegen. Kannte sie. Schlafstörungen, gegen die nichts half. Baldrian, heiße Milch mit Honig, Muskelrelaxation, Wärmflasche und Entspannungstropfen, vergiss das alles. Vor Schlaftabletten hat Ella Angst.
Keuchend läßt sich Ella in die weiche Kuhle der Matratzenmitte zurück gleiten. Sie sehnt sich danach zu verschwinden, durch einen Trichter in die Mitte der Erde aufgesogen zu werden. Einfach weg sein. Über die Zimmerdecke huschen die Streiflichter der Strassenbeleuchtung und im Zuschauen taucht ihr Bewusstsein allmählich erneut ab.
Später dringt das Kreischen der Straßenbahnschienen in Ellas flachen Schlaf. Sie weiß, dass sie noch eine gute Stunde hat, bevor über ihr die morgendliche Wasserorgie einsetzen würde, das Trampeln wuchtiger Schritte, die Vibrationen im Fensterglas hervorrufen würden. Sie stöpselt sich die Ohren zu und sinkt zurück in ein wolkiges Gefühl von Unentschiedenheit und Vorahnung. Bald nimmt sie nur noch ihren Herzschlag wahr, der das Blut durch die Adern jagt.

Später, als die Nachbarn oben mit schwerem Schlag der Wohnungstür und klatschenden Sprüngen das Haus verlassen, hebt Ella ihre schlafsteifen Beine über die Bettkante und stützt die Arme schwer auf, den Blick auf ihre Füße gerichtet, den Tag vor sich einer inneren Prüfung unterziehend. Eine nur mühsam unterdrückte Regung, sich erneut nach hinten fallen zu lassen, gibt ihr das Gefühl einer Verliererin. Als sie sich mehr resigniert als entschlossen von der Bettkante abstößt, ist das Schicksal dieses Tages schon besiegelt. Sie wird ihn mit dumpfem Brüten über ihre verworrene Lage zubringen.
Regen schlägt hart an das Küchenfenster. Während sie den Wassertopf aufsetzt, läutet der Postbote. „Heute gar nicht zur Arbeit? Doch nicht etwa krank?“ Mit einem Blinkern in den Augen bringt er ihr das eingeschriebene Todesurteil, früher als erwartet. Lange sitzt Ella am Tisch und starrt auf den Zettel in ihrer Hand, auf dem die schwarzen Zeichen zu tanzen beginnen. Man hatte nicht gezögert, das Verfahren in Gang zu setzen. Was hast du denn erwartet, dumme Gans? Mitleid? Verständnis mit einer Buchhalterin, die nach 20 Jahren treuem Dienst der Versuchung nicht widerstanden hat? Ella zieht die Augenbrauen zusammen, bis sie wie kleine Dächer unter den strähnigen Stirnfransen stehen und schlägt mit der flachen Hand auf die Tischfläche.
Nie hat man Ella im Betrieb besonders wahrgenommen, sie gehörte irgendwie zum Inventar, das bedürfnislos war wie sie, bis zu diesem drückenden Tag im Hochsommer, als sich schon frühmorgens in der Straßenbahn ein kleiner Bach in Ellas Nacken sammelte und ihre hellrosa Bluse unter den Achseln sich schwarz verfärbte, als sie nur mit Mühe den Weg zu ihrem Büro bewältigte, weil dörrende Sonne auf sie niederknallte und ihre Unterwäsche mit der brennenden Haut verschmelzen ließ.

Dann ins klimatisierte Vorzimmer des Chefs vorgedrungen, konnte Ella an Fräulein Doblers Outfit nicht annähernd die Verwüstungen erkennen, die sie selbst erlitten hat. Wie ein frisch geschlüpftes Küken tänzelte Fräulein Dobler vor ihr herum, während sich Ella, der Lächerlichkeit ihres Auftretens beschämt bewußt, mit nervösen Händen die nassen Stirnlocken wegstrich und den vergeblichen  Versuch unternahm, ihre klebrigen Rockschösse zu lösen, die sich um die feuchte Innenseite ihrer Schenkel gewickelt hatten.
Bei der anschließenden Aussprache mit ihrem Chef, der Ella vor seinem Schreibtisch stehen ließ und seinen Blick aus dem Fenster in die brütende Stadt gerichtet hielt, war es ihr unmöglich, ihren Wunsch nach der fälligen Gehaltserhöhung auszusprechen. Gesenkten Kopfes hatte sie den Rückzug in ihr stickiges Zimmer angetreten, als ein eintreffendes Telefonat ihr Gelegenheit dazu bot. Als sie sich an ihrem Rechner in die Bankkonten von Ehrlicher & Co einloggte, um die monatlichen Gehaltsanweisungen vorzunehmen, war ihr noch nicht klar, dass dieser Tag eine Kehrtwende in ihrem Leben bedeuten würde. 

Stattdessen arbeitete sie die Tagesroutine ab, bis gegen Mittag die Luft unter dem Dach so erstickend wurde, dass Ella den obersten Knopf ihrer Bluse öffnend kurz ans Fenster trat. Ella sah Autos auf schlierigem Asphalt mit sich auflösenden Pneus herumfahren, irgendwie immer im Kreis, und dachte benommen: Was soll das alles? Hinter dem Steuer wie fest geklemmt sitzende Fahrer schienen ihre Gefährte ihnen nicht bekannten Zielen entgegen zu steuern. Ella riss das Fenster auf und beugte sich nach Luft ringend hinaus, um ihnen ein lautes Stopp entgegenzurufen. Sofort leckte ihr brennende Hitze über das Gesicht. Ein paar Fensterreiniger, die mit nacktem Oberkörper und aufgekrempelten Hosenbeinen auf einem Gerüst am Gebäude gegenüber klebten, schwenkten die Putzlappen und pfiffen. Ihr Anführer, ein kugeliger kleiner Mann, eine Bierflasche am Mund, machte eine obszöne Bewegung, die Ella missverstand. Arglos und unbeholfen winkte sie zurück. Die Arbeiter brachen in krachendes Gelächter aus, das Ella mit heißem Kopf zurückfahren und sich bodenlos schwer fühlen ließ.

Was macht schon eine Stelle nach dem Komma aus?


Noch jetzt, ein paar Monate später, mit dem Schreiben der Staatsanwaltschaft in der Hand am Küchentisch, ist ihr nicht klar, ob diese Beschämung der Auslöser dafür war, dass sie in der monatlichen Anweisung eine Kommastelle zu ihren Gunsten verschob und an geeigneter Stelle eine Null zufügte. Kam das jetzt noch darauf an? Kam es überhaupt noch auf etwas an? Ella breitet die Arme über die Tischplatte und läßt den Kopf auf das Blatt fallen. Der Druck malt auf ihren nassen Wangen schwarze Spuren. Einfach nur liegen und den Regentropfen in der Dachrinne lauschen, denkt sie noch, bevor sie in einen unruhigen Dämmerschlaf abgleitet.

Als sie hoch schreckt, ist das Wasser im rot glühenden Topf eingekocht. Sie löscht die Flamme und tastet sich ins Badezimmer. Der Spiegel reflektiert ihr ein fleckiges Gesicht, verquollene Augenlider, einen breiten Mund, dessen Winkel sich schon als sie ein Kind war nach unten senkten. Mit angefeuchtetem Zeigefinger streicht sie die Augenbrauen entlang. Ihr Vater hat immer befunden, dass sie viel zu buschig seien, ihre Nase zu knochig. Es würde ihr einmal schwer fallen einen Mann zu finden, fade und tollpatschig wie sie sei, sagte er gerne.  Ella hat es geglaubt und fortan alles daran gesetzt, die Kränkung, die dieser schöne, stattliche Mann durch seine unansehnliche Tochter empfinden musste, durch bewundernde Gefügigkeit auszugleichen, vom Vater herablassend hingenommen. Aber es schien nie genug zu sein. Die sonntäglichen Spaziergänge am Rheinufer, die dem Kind die rare Gesellschaft des Vaters bescherten, hätte es wie ein kleines Fest genossen, wäre ihm nicht brennend klar gewesen, dass der prachtvolle Mann, der auf sich hielt, der sich mit einer großzügigen Geste das Jackett zuknöpfte und den Bauch einzog, sich mit seiner Familie genierte. Ein paar Meter vor ihnen ging er, mit langen, ein wenig hüpfenden Schritten. Die Mutter, verhuscht und blass, zog Ella hinter ihm her.

Das Denkmal im Herrenzimmer


Wenn sie es einmal wagte, unaufgefordert in das von dem Vater dominierte Herrenzimmer einzudringen, wo er seinen breiten Rücken über ein Schriftstück beugte, das seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien,  ließ er sie stehen wie ein Hündchen, das auf einen Befehl wartet. In dieser Zeit verschmolzen Ellas Füßchen mit dem Fußboden, ihr wuchsen Wurzeln wie einem Waldschrat und ihr Kopf hing nach unten wie der einer Trauerweide. "Ja", knurrte er meist, ohne sich umzusehen. "Was willst du?" Unmut schwang in seiner Stimme mit, dennoch bezwang er sich und wandte sich endlich um. "Ella? Was?" Das Kind hatte sich nie anders helfen können als zu stottern: "Die Mutti fragt, ob du zum Essen kommen willst?" 

Wie gerne wäre sie zu ihm gelaufen, hätte ihm, der sich in ihrer Vorstellung weit nach unten gebeugt haben würde, die Arme um den Hals geschlungen und sich einen dicken Schmatz auf die Wange geben lassen. So stellte Ella sich vor, wie ein Vater mit seinem Kind umzugehen hatte. Das war natürlich nur eine Idee. In Wirklichkeit kam dies nicht vor. Als hätte der Vater ihre eigenen Zweifel auch gespürt, sagte er jedes Mal: "Ella, komm, hier bekommst du etwas von deinem Vater." Er langte in seine Hosentasche, nahm den Geldbörse heraus, fischte aus dem Lederspalt ein Markstück und hielt es ihr entgegen, vor Ungeduld mit dem Finger schnipsend, weil das Kind für seine Begriffe viel zu langsam nach dem Geldstück griff. Ella knickste, nahm es an, verwahrte es in ihrer verschwitzten kleinen Hand und ging rückwärts wieder hinaus. Dass der Vater sie zurückrufen würde, hoffte sie immer noch. Immer aber vergebens. Ein raues Gefühl von Vernichtung und Abwertung verdunkelte ihr den Rest des Tages.

Ella empfindet auch heute vor dem Spiegel immer noch keine Wut über seine Zurückweisung. Ein bitterer Geschmack auf den Lippen, nichts weiter. Sie spült den Mund aus, gurgelt, spuckt aus; was blieb, war der Ekel vor dem eigenen Versagen.

Fette Männer in Fallschirmseide


Später in der S-Bahn, die sie in ein Außenviertel der großen Stadt bringen soll, sieht sie fette Männer in bunter Fallschirmseide, die sich gegenseitig Würste und Bierdosen zuschieben. Ihre von Gel glänzenden Haare bilden Karnevalskappen auf den runden Köpfen Der Stoff ihrer Sportjacken flüstert unter den Bewegungen ihrer fleischigen Körper und ihre sich überschlagenden Stimmen fordern Aufmerksamkeit. In der Mitte des Waggons formen ihre Fahrräder einen kleinen Hügel, über den man springen muss, um den Ausstieg zu erreichen.

Die Männer lachen, als Ella sie mit offenem Mund anstarrt. Einer von ihnen reicht ihr mit einer großen Geste, als holte er um die ganze Welt aus, eine Wurst hinüber, aus der Fett spritzt, als sie gehorsam und beinahe gierig hineinbeißt. Er zwinkert ihr zu und drängt sich an sie heran, die rasch abrückt; der stechende Geruch aus seinem Sportanzug verursacht ihr Brechreiz. "Na, junge Frau", sagt er mit steil erhobenem Finger, "heute noch nichts gefuttert, was?" Er schiebt sich noch näher, bis er scheinbar zufällig Ellas Nacken berührt. Sie weicht aus und lässt die Wurst fallen. "Was fällt Ihnen ein?" Das kennt sie, die Übergriffe der Männer, die sie mit scharfer Stimme abwehren muss. Dreiste, plumpe Gesten, die Angst machen. Nah, zu nah kamen sie! "Dann nicht, dumme Pute!" flucht der Mann gutmütig und wendet sich ab. Im Weggehen schwenkt er seinen Hut bis zum Boden und lacht wiehernd unter dem Beifall seiner Kumpels.

Ella zwängt sich in den hinteren Waggonteil, setzt sich ans Fenster und legt den Kopf an die kühle Scheibe. Erst jetzt bemerkt sie, dass ihre Zähne aufeinander schlagen und ein Schweißpolster zwischen ihren Brüsten klebt. Ihr Bewusstsein fließt davon, sie spürt zwar noch die breiten Schenkel der Frau neben sich, die ihre pralle Einkaufstasche mit verkrampften Händen auf dem Schoß hält und die Balance verliert, als die Bahn vor einem die Fahrbahn blockierenden Auto jäh stoppt. Ihre massige Schulter streift Ellas Kopf und im Wegdrehen murmelt sie eine flüchtige Entschuldigung, die Ella kaum registriert, denn sie wird gerade durch einen endlos langen Schlauch gezogen und eine Welle umspült sie wie die Brandung eines Weltmeeres. Am Ende des Tunnels wartet eine Gestalt auf sie. Das Gesicht kann Ella aus der Entfernung nicht erkennen, aber eine starke Sehnsucht weitet ihre Brust. Sie streckt die Arme aus, fühlt sich frei und glücklich und will endlich ankommen. Aber die Gestalt entfernt sich immer mehr von ihr, wird rasend schnell kleiner und nichtiger und schließlich unsichtbar, der Tunnel verlängert sich stetig und nimmt kein Ende. Ella schreit lautlos, bis ihre Kehle schmerzt.

Endstation Sehnsucht? 


Als der Fahrer die Endhaltestelle ausruft, ist Ella  längst allein in der Bahn. Mit den fetten Männern ist auch die lärmige Betriebsamkeit gewichen, die ihr immerhin das Gefühl gegeben hat, lebendig zu sein. Nun ist sie wieder müde, zum Sterben müde und elend. Am liebsten würde sie sich auf der leeren Rückbank lang ausstrecken und sich an die kühlen abgerissenen Lederpolster anschmiegen, zwischen zerknautschte Cola-Dosen und Zeitungsblättern. Da der Fahrer sich an den Deckenschildern zu schaffen macht und dabei mürrische Blicke auf sie wirft, steigt Ella endlich aus und wendet sich mit schleppendem Schritt in die Straße, die mit einem scharfen Knick zum Friedhof führt.

Vor dem Haus, in dem in der sie vor mehr als 40 Jahren geboren wurde, macht ihr Herz einen Sprung, der von ihr verlangt, sich eine Weile an der kalkigen Hausmauer anzulehnen und auszuruhen. Im rauen Putz erkannt sie bis heute nicht geglättete Narben wieder. Daneben die Graffitti der Neuzeit. Fuck you, Mr. President, rot und grell. Mit den Fingern fährt sie den Türstock entlang, tastet über das Klingelbrett, dann steigt  sie die Treppen zum dritten Stock hoch. Im einfallenden Tageslicht flirrt der Staub. Noch immer knarren die Treppenabsätze in Erwartung. Aber es geschah ja nie was.

Die jetzigen Bewohner der Wohnung, deren säuerliche Ausdünstung Ella sofort wiedererkannt, können sich der schweigsamen Fremden nicht erwehren, die auf ihrer Schwelle ganz selbstverständlich Platz nimmt und sich hartnäckig weigert, ihren Namen zu nennen. Da sie kleine, wirre Laute ausstößt und blicklos an ihnen vorbei starrt, rufen sie die Ambulanz, in die sich Ella beinahe friedlich tragen lässt.

Das Knistern des Lakens unter ihr auf der Bahre schläfert sie ein und als der Wagen stoppt und Ella unter den anfeuernden Kommandos der Sanitäter von der Trage gerutscht ist, folgt sie dem Arzt widerstandslos durch die vergitterte Milchglastür, die hinter ihr mit einem metallischen Klacken ins Schloss fällt.

Sigrid Jo Gruner
Potsdam, 2002

Bildnachweis:
Foto mouth-2122687_1280 Pixabay 









MissWord! - Sigrid Jo Gruners Alter Ego

Wort. Kommunikation. 

Strategie. Text. Buch. Story

Sigrid Jo Gruner unterstützt  als "MissWord! Manufaktur für das wirksame Wort" kommunikative Unternehmen, Freiberufler, Berater & Coaches bei Marktpositionierung, Branding und Unternehmenskommunikation. 

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Strategie- & PR-Beratung, Redaktion & Texttuning, Premiumtext (Web, Magazin, PR), Publikation (E-Book, Whitepaper, Folder), Buchcoaching und Ghostwriting (Sachbuch & Corporate Book für Beratungsprofis und Unternehmen). Eigene Autorenprojekte (narrativ/szenisch)

Charakteristika: Leidenschaft, Empathie und Chuzpe und 26-jährige Selbstständigkeit.


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