Sonntag, 22. Juni 2014

Sonntagsthema: Wie man verlässlich unglücklich wird oder Was hat Mark Aurel uns heute noch zu sagen?



Mark ..Wer? Nun sagen Sie bloß nicht, Sie hätten noch nie von diesem Herrn gehört. Na ja, er lebte vor mehr als 1800 Jahren, daran können sich die wenigsten von uns erinnern. Aber in der Schule wurde er doch als eines der großen Vorbilder gelehrt? Nöö? Ach .. das nennt man dann wohl Bildungsreform.

Mark Aurel – der letzte Stoiker


Er warf Schatten bis in die Moderne, Friedrich II, Helmut Schmidt, aufgeklärte Literaten und Philosophen bekennen sich als seine Bewunderer. Was er selbst von Nachruhm hielt, findet sich in seinem Werk: "Einst gebräuchliche Worte sind jetzt unverständliche Ausdrücke. Alles vergeht und wird bald zum Märchen und sinkt rasch in die völlige Vergessenheit .."
Stoisch zu sein (im Sinne von gleichmütig, gelassen, frei von Stimmungsschwankungen, tugendhaft) ist heute eher uncool. Man zeigt seine Gefühle, lässt schamlos raus, was stört, macht es massenweise auf den Social Media Portalen öffentlich, teilt es mit Gott oder der Welt, die wiederum ein „Gefällt mir“ anhakt und Follower wird, oder auch nicht.

So oder so ist das Leben!


Die Stoiker an der Wegscheide zur Neuzeit erkannten: Die Haltung macht’s, die man gegenüber einer Situation einnimmt, die Bewertung und die Gedanken, die man mit dieser verbindet. Mann kann es schlecht finden, dass mit zunehmendem Alter die Haare ausgehen oder sich freuen, dass sie jetzt nicht mehr gewaschen werden müssen ;) 

Die freie Willensbildung sagt dem Hasen wohin er laufen soll – ins Glücksgefühl oder in die Depression, in schwächende oder aufbauende Befindlichkeiten. Demnach entscheidet Mann/Frau also selbst ob es ihr/ihm schlecht oder gut geht – egal wie sich die äußeren Verhältnisse gebärden.

Das hat eine Menge mit Eigenverantwortung zu tun – und die meiden wir gerne wie der Teufel das Weihwasser. Ist es nicht viel praktischer, sich einen willigen Sündenbock zu suchen, der die Verantwortung für uns schultert? Oder eine Figur, mit der man so richtig fies umgehen kann? Und die wäre nicht zuletzt man selbst. 

Todsicher unglücklich werden Sie, wenn Sie

  • sich nie Fehler oder Schwächen verzeihen, auch anderen nicht
  • sich die ganze Schuld dafür geben, dass die Welt in Richtung Abgrund rollt
  • Keinem so richtig trauen, schon gar nicht sich selbst
  • stets den worst case erwarten
  • nie Nein sagen, sich alles gefallen lassen
  • Ihre Ängste stilisieren
  • Andere bevormunden, kontrollieren, manipulieren
  • alles als perfide Ungerechtigkeit empfinden (auch wenn's regnet)
  • rachsüchtig sind bis die Kehle brennt - dabei ist die beste Rache erwiesenermaßen die Taktik Erlittenes nicht mit gleicher Münze zurückzuzahlen
  • ...

Da fällt Ihnen bestimmt noch was Hübsches ein! - Die Regel heißt: Hasse dich selbst, dann kannst du davon ausgehen, dass das Leben dich auch hassen wird.

Mark Aurel hält dagegen

„Lebensglück ist eng mit den guten und wertschätzenden Gedanken verbunden, die man sich und anderen gegenüber hat“

Als Kaiser Marcus Aurelius Antonius Augustus bewies er Größe. Er stärkte die Rechte von Sklaven und Frauen (man beachte die Paarung) und dämmte Tiberflut und Pest ein. An den Grenzen des Römischen Reiches wehrte er Eindringlinge ab, Christenverfolgungen gebot er Einhalt. Seine weise Außenpolitik schickte Gesandte nach China.

Mit Mark Aurel starb 180 n. Chr, auch das gepriesene Goldene Zeitalter Roms, sagt die Nachwelt. In die Geschichte ging er ein als Philosoph auf dem Kaiserthron, der in seinen „Selbstbetrachtungen“ die Einheit von Denken und Handeln, Wort und Tat als Grundlage eines sinnhaften menschlichen Lebens postuliert.

Heute wäre er vermutlich Coach, hoch gehandelter Experte für Lebensfragen, warum auch nicht? Hätte ihn Wilhelm Zwo oder dieser Herr aus Braunau nicht mal lesen können? Aber es steht zu befürchten, dass die beiden sich sogar bestärkt gefühlt hätten. Schließlich sind es die Gedanken, die das Gefühl bestimmen (s.o.), oder? -  Fragen über Fragen.

Sein Rat aus der Antike – noch heute gültig:

„Die Kunst zu leben hat mit der Fechtkunst mehr Ähnlichkeit als mit der Tanzkunst, insofern man auch für unvorhergesehene Streiche gerüstet sein muss“ 

PS: Wenn Sie es etwas platt finden, wie ich Marc Aurel hier interpretiere, so haben Sie  möglicherweise  recht. (Sie sehen, es wirkt!)