Freitag, 4. September 2015

Aufgespießt: Ist Fleiß erstrebenswert?



Ja und nein. Fleiß und Disziplin (jaja, auch Gehorsam und Obrigkeitsgläubigkeit) sollen uns Deutschen im Blut bzw. in den Genen liegen wie die Fähigkeit in stickigen Großzelten viel Bier zu konsumieren und volkstümelnde Schlager, etwa von der Schwarzbraunen Haselnuss, abzusingen. Sorry, Herr Brecht, natürlich tümelt das Volk nicht. Aber das Diktum bzgl. Fleiß - stimmt das noch? Und ist das überhaupt opportun?

In der Augustausgabe 2015 rief das Magazin Brandeins zum Faulsein auf: "Macht blau!" In fetten Lettern auf schwimmbadblauem Untergrund. Was sagte ein FDP-Grande vor Jahrzehnten: "Lieber ein faules Genie als ein fleißiger Idiot". Da fallen einem doch sofort ketzerische Fragen ein: Wird man ein Genie durch erhöhte Faulheit? Macht Fleiß gleich dumm? Ist ein Fleißiger deckungsgleich mit einem Idioten und kann ein Idiot überhaupt fleißig sein? Was macht ein Genie zum Genie und wie erkennt man das? Gibt es auch idiotische Genies ... und geniale Idioten? - Hach, ein weites Feld.

Zwischendurch mal ein Mützchen Schlaf nehmen .. auch im Büro

Genialisch oder pragmatisch? Ein Militär aus dem Kaiserreich macht es uns vor

Im Management schafft es nicht der Superfleißige ganz nach oben. In der dünnen Luft der obersten Heeresleitung .. ääh .. Führungsschicht herrschen andere atmosphärische Gesetze. Hans Magnus Enzensberger entdeckte einen Deutschen wieder (Hammerstein oder Der Eigensinn, 2008), der zu Unrecht in Vergessenheit geraten war.* Kurt von Hammerstein-Equord reüssierte im Heer von Kaiser Wilhelm Zwo. Vom hohen Offizier im Generalstab des Generalkommandos (Chapeau!) kam er in der Weimarer Republik zu neuen Ehren als Chef des Truppenamtes der Reichswehr. Für besondere Aktivität oder flammendes Engagement soll er nicht bekannt gewesen sein, dafür setzte er auf interessante strategische Konzepte wie die "hinhaltende Verteidigung". 

Auch seine Personalpolitik war leicht schräg - er beurteilte die Rekruten nach einem simplen 4-Felder-Schema mit den Normen Faul, Dumm, Fleißig, Klug. In seinen Truppen machte er eine Quote von 90% aus, die auf "Dumme und Faule" fielen, was für ihn kein Anlass zur Sorge, eher zur Befriedigung war. Denn diese Art Soldat eignete sich in idealer Weise für Standardaufgaben, die nach Gehorsam und Unterordnung riefen. Weitere 8-9 Prozent sah von Hammerstein im Generalstab positioniert, aber ganz an die Spitze gehörten für ihn die Klugen, die gleichzeitig durch Faulheit beeindruckten. Intelligenz und Phlegma schienen für den Militärstrategen die beste Voraussetzung für coole Nervenstärke und eine Top-Qualifikation für gelassene Entscheidungen zu sein, wenn es "brannte". Die Fleißigen dagegen, die gleichzeitig mit Dummheit gestraft waren, hielt er für eine besonders gefährliche Kaste, nicht nur im Militärwesen. 

Gilt diese allerliebste Doktrin auch für das Management moderner Unternehmen?

Ein Karriere in modernen Konzernen baut auf aktives Handeln. Was treibt Führungsverantwortliche heute an? Ambition und Ehrgeiz, der Wille zum persönlichen Erfolg, Machthunger, der Wunsch etwas zu gestalten, sich zu verwirklichen oder ein Denkmal zu setzen, auch schon mal egomane Selbstbefriedigung und narzisstische Bedürftigkeit. Erwiesen ist aber, dass die fleißigen Erfolgsgetriebenen zwar anfangs schneller starten, eine Fülle an Pluspunkten und persönlichen Erfolgsmomenten sammeln, nach diesem aufreibenden Fleißpensum aber in der Mitte der Strecke zurückfallen, sobald die Machthungrigen, die sich zunächst zurückhielten, mit voller Power zum Run auf die Mount Everest-Spitze ansetzen.

Sie sehen es leidenschaftsloser, cooler und - wenn man so will - auch träger und setzen auf Strategien, die mit Fleiß nicht das Geringste zu tun haben. Aktionismus ist ihnen fremd, ihr Zeitplan ist nicht überfüllt, man sieht sich auch auf dem Golfplatz oder auf dem Kreuzfahrtschiff, bei der Charity Gala, bei Corporierten-Alte-Herren-Treffen und bei den Salzburger Festspielen, wo sie Geschäfte mit leichter Hand anzuschieben scheinen. Sie zeitigen weit bessere Unternehmenskennzahlen als die Fleißigen auf ihrem Marathon schaffen - und darauf kommt es am Ende schließlich an.

Was können heutige Top-Manager daraus ziehen?

Kurt von Hammersteins Vermächtnis für moderne erfolgssuchende Manager könnte heißen: "Mut zu mehr Gelassenheit", "Führende Positionen nicht mit Aktionismus überfüllen", "Klug delegieren und wie auf dem Fußballfeld die Kraft nicht mit Herumhecheln verzetteln, sondern mit dem time-genauen Erkennen der richtigen Situation", "Sich clever vernetzen und wie die Spinne im Netz die Fliege beobachten" ... Das bedeutet allerdings abwarten zu können - und das ist für viele keine gute Option. Faul zu sein zieht in der Regel immer noch gesellschaftliche Ächtung nach sich. Daher hat auch hierzulande der Kreative und Intellektuelle einen schwereren Stand als der Handarbeiter - er gilt als - nun ja - fauler, träger, phlegmatischer, genusssüchtiger, verwöhnter, verspielt wie ein Kätzchen und nasch- und klatschsüchtig wie die Kurtisane des 19. Jahrhunderts ... (Klischees, die sich zäh halten). Gute deutsche Wertarbeit ist in Zeiten der Ideenwirtschaft immer noch von Hand gemacht (auch von Roboterhand).

Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.

Sie schütteln missbilligend den Kopf? Aber werden Sabbaticals und Auszeit-Väter nicht immer noch mit scheelen Augen betrachtet? Ist nicht auch die Freizeit ein Spielfeld für entschlossene Aktivität? Wann entspannt der Deutsche eigentlich? Im Urlaub sicherlich auch nicht immer. Entschleunigung ist ein klasse Schlagwort. Aber kann man es sich auch leisten?

Zu Entschleunigung demnächst mehr!


Apropos: Was wurde aus Generaloberst Kurt von Hammerstein? 

Zeitgleich mit Hitlers Machtergreifung 1933 ging er in Pension, aus dessen genüsslicher Trägheit er bei der Generalmobilmachung 1939 jäh gerissen wurde. Aber nicht lange. Nicht nur seine höchste gelassene Arbeitsauffassung und "Faulheit" setzte einer erneuten Karriere Grenzen, sondern auch seine "negative Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus.

Ein fauler, aber kluger Geist.


* findet auch Brandeins-Autor Thomas Range

Literaturtipp: Peter Axt, Michaela Axt-Gadermann: Vom Glück der Faulheit, Herbig. Nicht nur für Manager!!

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