Sonntag, 13. September 2015

Sonntagsthema: Refugees welcome oder Vom Instinkt der Amseln

Was lässt Vögel auf meiner Terrasse anlanden?


Mein Balkon zieht Vögel an. Sie fühlen sich offenbar willkommen. Spatzenschwärme, Amselfamilien, Blaumeisen-Singles. Mein Freisitz ist hübsch verwildert, Kräuter, Disteln, Efeu, wilder Wein ranken sich ungefragt in Pflanzenpötten und an Regenrinnen hoch. Ein zierliches Bäumchen. Auch in den Plattenritzen sprießt es.

Gerade nimmt eine Meise ihr Sonntagsbad in einer Schale Regenwasser. Sie hat sichtlich viel Freude daran. Wäre sie dazu in der Lage, würde man sie juchzen hören oder lachen sehen. Sie plustert ihr Gefieder, spritzt und plantscht und verursacht einen Aufruhr im flachen Wasser. Jetzt hopst sie auf den bemoosten Dachsturz und nimmt Anlauf zum Abflug. Wohin? Hat eine Blaumeise ein ständiges Zuhause? Wenn ja, zieht sie ab und zu um? Und woher weiß sie, wo es gut für sie ist?

Wo komme ich her, wo will ich hin? 


Eine der essenziellen Fragen der Menschheit - und des einzelnen Individuums, vorausgesetzt es nimmt sich selbst ernst. Die Medienbilder von Menschentrauben an Bahnhöfen, Fremden, die aus ihren Ländern zu uns flüchten - bewusst zu uns - lassen uns den Atem stocken. Die Willkommens-Schilder, die Hiesige ihnen entgegenstrecken, die Versorgungsgaben, der dezidierte Wille zur Aufnahme rühren uns. Auch die Hilfsangebote sind nicht selten von rührender Naivität: Der Teddybär, der Kassetten-Deutschkurs, die Märchenerzählerin, die bereits am Bahnhof die fremden Kinder um sich schart, der kaum getragene Mantel, denn Deutschland kann sehr kalt sein, Yoga-Kurse in Flüchtlingsheimen. Im Moment werden wir von (fast) der ganzen Welt gelobt, gar bewundert, vielleicht für einen kurzen Moment lang auch geliebt. Das tut uns zweifellos gut, denn fühlen wir uns im Innern nicht immer noch wie "Schmuddelkinder"?

Aber kritische Stimme und Beschwerden von Landespolitikern beginnen die schöne Illusion von humanitärer Machbarkeit anzukratzen. Die nicht zu leugnende Realität ist, dass die Hilfsaktionen gerade an Grenzen stoßen. Schlafplätze werden knapp. Wie lange können Helfer ehrenamtlich helfen, bevor ihr eigenes Leben Tribut fordert? - Und die Ahnung wächst, dass es Konflikte geben wird/muss, politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, integrationsimmanente, inner-europäische. Wie lange dauert Integration? Wie viele Anstrengungen muss die Gesellschaft und der Einzelne dafür unternehmen? Wie viel Toleranz lässt die Realität zu? Wie viel ist beiden Seiten zumutbar, wenn Schulkinder Beeinträchtigungen erfahren, weil die neuen, des Deutschen unkundigen Mitschüler berücksichtigt werden müssen? Wenn die Amtsstuben überquellen und Übersetzer fehlen? Wenn der hiesige Steuerbürger sich übervorteilt fühlen könnte? Wenn der Anteilnahme Ernüchterung folgt?

Das unschätzbare Gefühl willkommen zu sein! 


Früher umspannten 7 Dekaden eines Menschen Leben. Eine magische Zahl. Seltsame Koinzidenz, dass die Flüchtlingsströme 70 Jahre nach 1945 eintreffen, als das Land schon einmal 12 Millionen Vertriebene und Fliehende aufnahm. Damals verband sie eine gemeinsame Kultur und Sprache, in der Regel. Fremde waren sie dennoch. Die Ausgangssituation war ungleich härter: Das Land war nach einer überlangen und schwer ertragenen Schreckens- und Leidensperiode in der emotionalen Betäubung und zwanghaften Schuldverdrängung angelangt, die äußeren Bedingungen waren radikal. In einer solchen Ausnahmesituation tätiges Mitgefühl zu üben, war ein Kraftakt.

Die heute zu uns drängen, werden zu Recht mit offenen Armen aufgenommen. Den demographischen Faktor, der dem Land zweifellos zugute kommt, wollen wir hier unbeachtet lassen. Im Moment schieben wir allzu realistische Reflexionen zur Seite und verdrängen noch, dass sich dieses Land mittel- und langfristig verändern wird, ähnlich der Situation, als die deutsche Einheit beide Seiten "kalt erwischte" und nach der verständlichen Freude und überschwänglichen Euphorie auch nüchterne Normalisierung, ja Regression folgten, ja folgen mussten. Realität sieht anders aus als politischer Wille. Aber wollen wir uns verändern? Der Mensch ist auf Bestand des Bestehenden gepolt, Neuerung und Veränderung verursachen ihm zunächst heftiges Bauchgrummeln. 

Der Instinkt der Vögel


Die jetzt zu uns flüchten wissen, dass sie in die Sicherheit und in die Freiheit gehen wollen, sie nehmen in Kauf, dass ihr neuer Wohnort zufällig ist. Daran mag man ermessen, wie viel Mut, Verzweiflung, Selbstschutz oder Sehnsucht oder von allem etwas sie treiben mag, wenn sie das Ungewisse auf sich nehmen. Ihr Schicksal verdient umso mehr unsere Anteilnahme. Den Bürgern in Europa fällt der Standort meist zu, man wird hinein geboren. Meistens erzwingt der Zufall einen Wechsel: beruflich, familiär, gesellschaftlich, der Liebe, des Studiums oder der Karriere wegen. Dass man wegen einer speziellen Neigung zu einer Region oder einer Stadt seine Standortwahl trifft, spielt mit, ist aber von sekundärer Bedeutung, außer bei Zweit-, Wochenend- oder Ferienhäusern.

Glaubt man Erhebungen, so sind Großstädte wie Berlin, Hamburg,  Köln bevorzugte Standorte von Alleinlebenden, Singles. Ein wenig erstaunt, dass behagliche Mittelstädte wie Regensburg oder Osnabrück eine vergleichsweise höhere Quote an Singles aufweisen. Den Single als solchen gibt es allerdings nicht, sondern viele Spezies.* Auch Menschen, die nach einer langjährigen bis jahrzehntelangen Ehe, Lebenspartnerschaft oder Beziehung allein oder verwitwet zurückbleiben und keine Anstalten treffen (wollen oder können), einen neuen Partner zu suchen, werden zu Singles gezählt. Ob sie wollen oder nicht. Single zu sein beruht nicht immer auf einer bewussten Entscheidung.

Fremd sein im eigenen Land


Offenbar kann man sich als Single in Regensburg besonders wohl fühlen. Meist erkennt man nach einem Standortwechsel erst beim Wohnen und Leben, ob es die richtige Entscheidung war, ob das Umfeld stimmig ist. Aber was ist das richtige? Sucht man nicht immer doch vor allem sich selbst? Die Freiheit so zu leben und sich zu entwickeln, wie es seinen Anlagen und inneren Wünschen her bestimmt ist? Auch Städte haben eine organisch-emotionale Qualität und Geschichte, Landstriche ihre gewachsenen Charakteristika. Sie öffnen dem Fremden die Arme oder wenden sich von ihm ab.

Vor einem Wohnortwechsel sollte man vor allem die emotionale Beschaffenheit des neuen Standorts und deren Kompatibilität mit der eigenen Befindlichkeit prüfen oder ein paar Wochen oder Monate Probe wohnen! Häuser und Wohnungen haben ihre eigene Aura, die man beim ersten Schritt über die Schwelle spürt, allerdings nicht immer ernst genug nimmt. Das Gefühl willkommen zu sein und eine Atmosphäre von Offenheit scheinen die Essenz zu sein, die am neuen Standort Fuß fassen lässt. - Amseln wissen das instinktiv.

Stück für Stück zum nächsten Etappenziel


Während des Menschenlebens gibt es viele Gelegenheiten, sich zu fragen, wo man steht und wohin man gelangen möchte. Das können gravierende Einschnitte sein, aber auch das reflektierende Bewusstsein, dass die Zeit rasch verrinnt und man am Ende des Lebens nicht vor dem Erschrecken stehen sollte, sie unbedacht verbraucht zu haben.

Die viel missbrauchte Doktrin "Positives Denken" lenkt den Menschen auf die Imagination der gewünschten Zukunft oder des avisierten Zieles und rät so zu tun, als sei man bereits dort angekommen. Das ist verlockend, denn es enthebt von einer großen Anstrengung. Die Zeit zwischen Ist- und Soll-Zustand wird ausgeblendet. Aber ich kenne niemanden, der auf den Flügeln von Engeln in eine schönere Zukunft getragen wurde. In der Regel muss der Normalsterbliche diesen Weg Stück für Stück durchschreiten und nicht selten auch mühsam erarbeiten.

Es macht also Sinn, sich die den Weg säumenden Stolpersteine und Fallstricke so ehrlich wie möglich zu vergegenwärtigen. Und dies nicht im Sinne von De-Motivation, sondern um sich der einzelnen Etappen bewusst zu werden. Das wappnet & stärkt. Nur so geht's.

Glücklich die Amseln,  die sich von ihrem Instinkt leiten lassen. Willkommen!


Bildmaterial: Fotolia.com 84474297_XS und  66123029 XS

* Zur Situation der Singles in Deutschland demnächst mehr!