Sonntag, 30. Oktober 2016

Sonntagsthema: Talent oder Handwerk? Das ist hier die Frage.



Es herbstelt bereits - der Übergang vom Spätsommer in den Herbst ist geradezu prädestiniert für Schöngeistiges;-)



Ist Schreiberfolg das Ergebnis von Begabung oder Handwerk? 



Oder gar von Schreibratgebern? Diese Frage stellte kürzlich ein Verlag, der E-Books herausgibt. Und weckte in mir leichten Widerstand.

Der Fragestellung war schon deshalb zu misstrauen, weil man sich entscheiden sollte zwischen zwei Antipoden, die sich per se gar nicht ausschließen, sondern ergänzen. Eine erfolgreiche Schreibpraxis speist sich aus verschiedenen Ressourcen: Talent, Sprachgefühl, Fabulierlust, Neugier auf Mensch und Welt und die Lust sich mit diesen empathisch zu verbinden. Was seine Figuren vom Autor preisgeben, ahnt nur der Schreibende selbst. Gnadenlos ehrlich, mutig und verwegen, ausdauernd und routiniert, und nicht ohne Selbstzweifel geht er seinem Beruf nach. Oder seinem Handwerk? Die politischen Pole Hand-Werker und Kopf-Arbeiter bringt er problemlos zusammen. Wie steht’s mit dem unbedingten Bedürfnis aus sich heraus schöpferisch zu wirken? Kreativität entsteht nur, wenn Wissen vorhanden ist. Wer hat's gesagt? Ich google mal schnell.


Was treibt den Schriftsteller an?

Entschlossen seinen eigenen Weg zu verfolgen, nimmt er in Kauf, andere zu verletzen. Das Gespür für das Machbare und die Gabe des Träumerischen pochen und zittern in seinem Inneren wie ein unruhiges Herz im Mai. Rückschläge steckt er ein und setzt seine Spielfigur wieder auf Anfang. Sich selbst nimmt er zurück, doch alles, was an Figuren, Plots und Gedanken durch seinen Autorenkosmos schwirrt, hegt er mit großer Hingabe. Ballast duldet er nicht, die Schatten der Vergangenheit integriert er trauernd. In seinem Arbeitskokon nährt er sich von einer leicht selbstzerfleischenden Vorfreude, nicht ohne Bangen um das, was in seinen Wörtern Gestalt annehmen soll. 

Sein Verlangen nach Wahrheit und Klarheit ist meist überbordend, doch wird er nie zu früh den Schleier lüften. Schreiben sich die Worte wie von selbst, riskiert er dennoch ahnungsvoll-wissend die alles betäubende Explosion, was kühn und unschuldig zugleich ist. Ohne diese im literarischen Duktus verhaftete Naivität wäre er sprachlos. 



Literatur als Schule des Literaten oder "Wissen ist nicht immer gleich können"

In einer wissenschafts-gläubigen und  schwer datenfokussierten Zeit setzen wir unser Vertrauen in die Allmacht von Forschung und Technik. Dabei beziehen wir uns auf die Renaissance, die in ihrem Wissensdrang auch als eine Vorläuferin der Digitalisierung bezeichnet werden könnte. Vor Zeiten glaubte man allerdings auch noch an den inneren Zusammenhang aller Begebenheiten auf einer feinstofflichen Ebene. Die Literatur vergangener Epochen war in hohem Maße didaktisch, sie erklärte die Welt und wie man sie am anschaulichsten sprachlich nachempfinde und poetisch abbilde. 

Die Flut der Schreibratgeber, Schreibblogs und How-to-Booklets unserer Zeit spiegeln das enorme Bedürfnis heutiger Menschen, sich anderen auszudrücken, was im Einzelfall den direkten Kontakt ersetzt. Sie spiegeln auch deren Ratlosigkeit und Mangel an Orientierung. Sie vermitteln dem Adepten technisches Handwerk, Regeln, unauflösbare tradierte Konventionen. Das kann ermüden und überfordern. Oft bleibt es bei ihrem atemlosen Studium. Theorie vertrocknet, wenn sie der Tau der Praxis nicht benetzt. Wissen heißt noch lange nicht Können.

Der Rebell in der Literatur

Beispiel: Im funktionalisierten mittelhochdeutschen Minnesang verkörperten sich Werte – von Frauenehre und Liebeslust. Macht, Sehnsucht und Reue. Der Schriftsprache eines Sprachraums sollten Gestalt und Funktion verliehen werden. Und die Kunst ließ sich munter instrumentalisieren. Talent war keineswegs hinderlich, und Konventionen waren die Pfeile im Köcher des Dichterhandwerkers. Beim „Sängerkrieg auf der Wartburg“ wird der aufmüpfige Sänger auf die Pilgerfahrt nach Rom geschickt. Die angesungene Dame ist entflammt, doch bangt sie um das Seelenheil des Rebellen, der die hohe Kunst ihrer Fesseln beraubt. Über Talent und Handwerk hinweg erliegt er der Faszination des Umsturzes. 

Die Riege der Sänger-Traditionalisten vernimmt es mit Schauder und unterschätzt, nein, ignoriert das feurige, vom Rauch der Revolution geschwängerte Können des Sängers/Dichters. Auf wessen Seite steht der Komponist und Autor? Nicht ohne sardonische Selbstironie meißelte Richard Wagner stets am eigenen Denkmal. Ausschweifend in Arbeit und Genuss akzeptierte er nur eine Moral, die seine.

Tun ist das Zauberwort 

Was wäre aus Johann Wolfgang Goethe geworden, hätte ihm seine weise Mutter nicht ein Marionettentheater geschenkt? Als Geheimer Rat in Weimar besetzte der Lebenslustige zahlreiche Rollen, in denen er gleichermaßen reüssiert, abgefedert durch ein großbürgerliches Erbe: Theaterprinzipal, hoher Staatsbeamter und Prinzenerzieher, Schauspieler, Dramatiker, Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Sammler, Forscher. Ein dicht geknüpftes materielles Netz aus Sicherheit und Ansehen ließ ihn in aller Seelenruhe dichten und denken. Genussmensch Goethe führte ein gastliches Haus. Bereits beim Mittagstisch soll er je einer Flasche Champagner und Rotwein zugesprochen haben. 


Privilegiert, weil umsorgt: Viele dienende Hände arbeiteten mit an Goethes Ruhm - "Bettschatz" Christiane, Sohn August, die Vertraute Frau von Stein, Schwiegertochter Ottilie, der getreue Eckermann, der herzogliche Brotherr. Sanft gebettet in diese behagliche Welt, die stracks im Biedermeier mündete, war es für ihn wohl ein Leichtes, seine reichen Talente mit einer bewundernswerten und bis ins hohe Alter aufrecht erhaltenen Schreibroutine zur Genialität zu entwickeln. Einmal wurde es ihm dann doch zu eng - die "Italienische Reise" war das einzig Rebellische, was er sich erlaubte. Einfach weg war er. Und dies lange. Produktiv war er während des zwei Jahre dauernden Italienabenteuers dennoch oder gerade deswegen.

Leben als (un-)moralische Anstalt

Die Zahl der Schriftsteller, die ein vergleichsweise entbehrungsreiches Leben führten, ist groß. Dennoch hinterließen auch sie Meisterwerke, die bis heute glänzen. Wäre von Friedrich Schiller verbürgt, dass er sein Leben genossen und geliebt hätte? Wenn Goethe eher unpolitisch war, hat Schiller sein Politisch-sein im Übermaß zelebriert. Er war kein geborenes Glückskind. Sein Schatz ist dem materiellen Wohlstand Goethes jedoch gleichzusetzen: glühende Leidenschaft, ein unbezwingbares Sendungsbewusstsein, die Freiheitstrunkenheit des Rebellen, die strenge Klarheit des Moralisten. Er wurde von seinem Leben ziseliert wie Goethe von dem seinen verführt.

Von den Großen lernen

Absurde Vorstellung, Goethe hätte Schreibratgeber gelesen! Goethe rezipierte alte und neue Meister und schulte seinen Intellekt, indem er sich in anderen Disziplinen hervortat. Vom Zeitgenossen Jean Paul, Meister der klangverliebten, skurrilen und chiffrierten Sprache, hielt er nichts. Künstlerkollegen gegenüber war er spröde. Seinen stets überregen (und daher auch überragenden) Geist schulte er mit vielfachen interdisziplinären naturwissenschaftlichen Forschungen und seinem Liebesleben legte er keine Beschränkung auf. Ob er ein besonders liebenswerter Mensch war, steht dahin. Familienleben war ihm eher lästig. Fremdes Leid scheute er. Er liebte wohl vor allem sich selbst, lebte intensiv und exzessiv – vom Sturm-und-Drang bis zum Olymp.

Ähnlich privilegiert war Thomas Manns Hintergrund. Der Künstler als Bürger oder war es umgekehrt? - Eine kluge Gattin hielt ihm des Lebens Unpässlichkeiten vom Leib. Mit schulmeisterlicher Strenge und unbotmäßiger Selbstzucht bat er sich unbehelligte Schreib- und Lektürestunden aus. Der Sorge um das tägliche Familienwohl enthoben, verbrachte er die restliche Tageszeit nach Maßgabe der Nützlichkeit für sein Werk. Gar nichts geschah zufällig. Er pflegte Kontakte, sofern sie seinen Geist belebten und zapfte allfällig sprudelnde Quellen für sein Schaffen an. Ego-manisch? Egozentrisch. Ohne Reue. Sympathisch fühlt er sich nicht an, aber das Werk verleiht Legitimation und Absolution.

Mein Fazit: Schreiben ist ein Tsunami

Schreibende sind gut beraten, sich dem Auftrag, der in ihnen schlummert, willenlos in die Arme zu werfen und sich auf ein Abenteuer einzulassen, von dem man nie weiß, wie es endet, doch ahnt, dass es sich lohnt. Draufgängerisch und sensibel, neugierig und gierig. Aufspüren, was rechts und links des Weges liegt und jeden Ruf des Schicksals respektieren. Haben wir unsere Berufung bejaht, packt sie uns wie eine Woge und Droge. Wirbelt uns durch die Luft, rüttelt und schüttelt uns und lässt uns in azurblaue Weiten fliegen. Und stets kommen wir an - auf dem Boden der Tatsachen. Immer mit Nachdruck, nie ohne Nachhall. 

Dann ist es längst keine Frage mehr von „Talent oder Handwerk?“, sondern die einer bezwingenden inneren Entscheidung: Mach es oder lass es!

Ähnliches gibt es auch im Beitrag "Das Revival der Papierkommunikation" hier in diesem Theater .. äh.. auf diesem Blog:




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Tags: Autor, Schriftsteller, Schreib Talent, Schreib Handwerk




Autorin & PR-Journalistin Sigrid Jo Gruner schreibt als MissWord! Webcontent, Magazin, Pressetext, Unternehmenspublikation, als Ghostwriterin Reden, Artikel und Bücher. In Strategieworkshops entwickeln Unternehmen mit MissWord! stimmige Positionierungen, Kernaussagen, Business- und Imagetexte. 

Sie selbst bringt aus 23-jähriger selbstständiger Berufspraxis alle Voraussetzungen mit, einen Buchprozess verantwortungsbewusst zu betreuen. Dabei helfen Erfahrungen aus Public Relations, Text & Redaktion, wissenschaftlichem Lektorat, Projektmanagement, Autorentätigkeit, Journalismus, narrativer Prosa, Dramaturgie und Drehbuch. Über ihr Netzwerk besetzt sie Lektorat, Cover- und Grafikgestaltung sowie Produktion.

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