Sonntag, 11. Juni 2017

Sonntagsthema: Speaker braucht das Land ..

.. aber auch dann und wann einen kleinen Schwatz!



Reden & Schreiben - auf dem Weg in die Automation? (Teil 1)



Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Nachbarn am Zaun geschwatzt anstatt ihn zu verklagen, weil seine Kinder die Kirschen von den Zweigen ernten, die von Ihrem Garten nach drüben ragen? Seien Sie nachsichtig und betrachten Sie es schlimmstenfalls als Mundraub. 

Reden ist Silber ..


Reden ist ein wenig in Misskredit geraten, scheint mir. Wir mailen, posten, faxen, messagen, smsen und chatten, wir lauschen Podcasts, gucken Erklärvideos und Webinare, gamen, machen Selfies, tauschen fixe Erlebnisse auf den sozialen Medien aus - doch einer gepflegten realen Konversation gehen wir mehr und mehr aus dem Weg. Warum eigentlich? Sind wir maulfaul geworden, weil wir uns im Gespräch anders als im digitalen Umgang auf ein konkretes Gegenüber (inklusive Gestik, Mimik, Haptik, Empathie, Befindlichkeit) einlassen müssen? Was macht da angst? Was ist mit unserer Kommunikationsfähigkeit passiert? Ja, sind wir denn noch zu retten?:-) 

Offenbar ist hier ein Teil des Auditoriums schon ans Büffet geeilt ..
Da verwundert kaum, dass der Anteil der Speaker (früher nannte man sie Vortragsredner) am großen Topf der verwandten Professionen Coach, Berater, Trainer (100.000 sollen es allein hierzulande sein) relativ gering ist. Ihr Metier ist Reden. Vor kleineren oder größeren Mengen. Das muss man mögen und können. Die Branchenprognosen stehen auf stürmischen Zuwachs, zumal die Einstiegs-Voraussetzungen in die genannten Professionen kaum durch Hürden gebremst werden. Da drängen sich dann neben gestandenen und versierten Profis auch ungelernte Amateure und unseriöse Mitfahrer in den Ring. Fundiert und verantwortungsvoll Ausgebildete muss dies nicht nur in Erklärungsnotstand, sondern auch in Rage bringen. Doch, doch, es gibt zu wenig Speaker angesichts der inflationär wachsenden Zahl an Business-Veranstaltungen, sagt der Index. Braucht das Land sie aber wirklich?

Was macht einen Profi-Speaker eigentlich aus?


Experten tun gut daran, ihr Wissen zu teilen. Zu analoger Zeit war ein Experte ein weiser, von seiner Mission überzeugter, schlimmstenfalls stark von sich eingenommener Mensch, der von seinem Podest schon mal auf das minderbemittelte, minderwissende Fußvolk herabsah oder ihm angesichts seiner Ignoranz viel Geld aus der Tasche zog. Heute gibt es eine neue Experten-Generation. In digitaler Zeit kann man relativ rasch zu einem solchen werden, wenn man sich nur oft genug online zu Wort meldet und eine große Reichweite erzielt. Was genau gesagt wird, ist dann eher zweitrangig:-) 

Ein Experte hat mehr Spaß am Leben, scheint es. Hat er eine Marktnische gefunden, in der wenig Konkurrenz, aber viel Bedarf vorhanden ist, hat er ausgesorgt. Was bewirken sie? Ein Coach begleitet und steuert Menschen in und aus Krisen- oder Konfliktsituationen heraus, indem er ihre Selbstheilungskräfte weckt; ein Berater unterstützt mit Rat, Strategie und Projektbegleitung, ein Trainer versucht Menschen zu deren Nutzen zu verändern (schwierig!) und ein Speaker? 

Er redet. Er muss kein Wissen transportieren, doch Menschen motivieren, begeistern, aufrütteln, auf die Stühle steigen und in Hurra-Rufen ausbrechen lassen:) Er muss nicht seine Expertise perfektionieren, sondern seine Performance, die den Besucher hindert, vorzeitig die Flucht anzutreten. Zieht er qua Persönlichkeit, Charisma, professionellem Auftritt sein Publikum in den Bann, hat er seine Aufgabe erfüllt. Verpflichtet ist er vor allem dem Veranstalter, der sich ein umwerfendes Event, eine erfolgreiche Tagung, zündende Unternehmensveranstaltung und dergleichen erhofft. Dafür ist der Speaker engagiert worden, das ist seine Daseinsberechtigung und die Gegenleistung für ein ordentliches bis üppiges Honorar (je nach Marktwert, der wiederum von seiner Nische - Thema und Zielgruppe - , seiner Erfahrung und Prominenz bestimmt wird. Nicht zuletzt auch von seinem eigenen Selbstwertgefühl). 

Aber auch das Publikum fordert Brot und Spiele. 


Wie holt der Speaker seine Zuhörer ab? Er muss gerne und möglichst frei reden wollen und können, unterhaltsam, sympathisch, gelassen-konzentriert, selbstironisch und humorvoll sein. Mit federnden Schritten und gut sitzendem Outfit zum Podium eilen, mit Chuzpe das Mikrofon ergreifen und die ersten entscheidenden Sätze mitten ins Herz der noch unschlüssigen Zuhörer (Mögen wir den? Mögen wir den nicht?) platzieren. Hänger sollte er zugeben und zu seinem Vorteil ummünzen und dem Publikum damit Gelegenheit geben, ihn so richtig lieb zu gewinnen. Gelingt dies nicht, steht er auf verlorenem Posten. 
Fast wie im alten Rom .. Brot & Spiele


Storytelling ist die Würze jeder Rede. Maggi sozusagen für Inhalt und Gehalt (ja, es gibt das ominöse, kleine, braune Fläschchen noch).Wie wirken Geschichten (der Urstoff des Weltwissens)? Wenn wir Geschichten erzählen, um einen Sachverhalt erklärlicher zu machen oder Menschen zu Handlungen oder Gefühlen motivieren wollen, spielen wir mit dem Unbewussten und schlagen dem Verstand ein Schnippchen. Wir sprechen Saiten im Zuhörer an, die ihn entspannter, fröhlicher, entstresster machen und gleichzeitig beeinflussen wir ganz un-manipulativ seine subjektive Wahrnehmung. Die angesprochenen Inhalte wirken narrativ nachhaltig und klingen nach. Das gute alte Sich-Unterhalten-Wollen entspricht dem Dialog zwischen Erzähler und Zuhörer und bedient gleichzeitig unseren Heißhunger nach Entertainment respektive Infotainment. 

Warum sonst boomen seit Jahrzehnten mediale Unterhaltungsformate in jeder Qualitätsstufe? Gleichzeitig hat der Redner, der zu Storytelling greift, beste Chancen sich so zu performen, wie er es sich wünscht und Inhalte, Ziele und Informationen so darzustellen, dass sie ins strategisch Schwarze treffen. Präsident Obama war/ist ein Meister darin, Fakten aus seiner eigenen Vita in einer sehr persönlichen Weise erzählerisch so aufzubereiten, dass sie ihm Pluspunkte bringen, auch wenn sie per se ein Negativpotenzial in sich bergen.

Gern zu reden ist Veranlagung, gut zu reden Training. Ach so! Redner sind Marken, Eigenmarken, die sorgfältig aufgebaut und gepflegt werden wollen. Wie macht ein Redner von sich reden? Am wirkungsvollsten durch Reputationsmarketing - sprich - Skalierung seiner Marke und Expertise in einzelnen, gut zu vermarktenden Tools - Sachbuch, Booklet, Whitepaper, Video, Trailer, Publikation, Medienauftritten. Das klingt anstrengend und das kann es auch sein. Bei allem kann man sich helfen lassen. Dafür gibt es ja Trainer. Und Coaches. Und Ghostwriter. Klare Sache. 

Reden ist planbar ..

Eine schöne Sache, Speaker zu sein. Vorausgesetzt man hat ein dezidiertes Thema, das einem (am Herzen) liegt und das auch ein Zielpublikum anspricht. Und die Traute, vor einem vielköpfigen, schwer einschätzbaren Publikum zu sprechen. Das kann sich schon mal anfühlen wie auf einer Klippe zu stehen und in den tief unten brodelnden Ozean springen zu müssen. 

Um dies zu meistern, kann es helfen, beizeiten Speakerpraxis aufzubauen mit Reden im Familienkreis, Vorträgen im Verein oder bei den Rotariern und im Marketingclub, Toasts bei Feiern und Bällen, Bürgerinitiativen, politischen oder Gedenkanlässen .. Nicht zuletzt sind Nachrufe eine passende Gelegenheit, sich in Rhetorik und Gelassenheit zu üben. Speaker zu sein ist kein Ausbildungsberuf. Es gibt Naturtalente, die machen es einfach. Mancher stößt aus einer ganz anderen beruflichen Ecke auf dieses Genre und baut auf einer fundierten Berufserfahrung und dem Know-how auf, das ihn - Sie ahnen es - dann auch zum Spezialisten wachsen lässt.

Es ist doch gut, dass es in der digitalisierten Welt noch so was gibt! Wie lange noch? - Schau'n wir mal! 

Ihre hoffnungsvolle Jo Gruner



PS: Wenn Sie jetzt meinen, Sie würden aus dem Posting eine Prise Ironie heraushören, muss ich Ihnen doch widersprechen. Mein Wunsch war es eine Lanze zu brechen für das gesprochene Wort - und damit zum Thema des nächsten Blogbeitrags überzugehen. Dort soll es um die Gefährdung von real geschriebenem Wort (Teil 2) in nicht allzu ferner Zukunft gehen. Die Gefährder und Täter sind Textmaschinen und Roboter, die uns bereits jetzt weismachen wollen, dass wir Autoren, Texter, Schreiber, Textworker, Journalisten in absehbarer Zeit verzichtbar werden, weil "Kollege Robi" unseren Job machen wird. Nicht so gut, nicht so menschlich, nicht so empathisch, nicht so kreativ, nicht so emotionalisiert, nicht so individualisiert - aber viel billiger, pflegeleichter, praktikabler, anonymer, automatisierter, glatter und ohne aktive Beteiligung des Auftraggebers. In inniger Verquickung mit "Big Data" eine Zukunftsvision, die frösteln macht. Bleiben Sie dran!
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You can hire me!





Foto Publikum:  Stocksnap.io. Daria Nephriakina
Foto Ozean: Stocksnap.io. Tim Marshall
Foto Arena: Stocksnap io. Leeroy

Tags: Speaker, Redner, Coach, Reputationsmarketing, Experte, Storytelling, Infotainment, Ghostwriting





Sigrid Jo Gruner führt unter der Firmierung MissWord! (www.missword.de) ein Redaktionsbüro für strategische Kommunikation mit den Schwerpunkten Konzeption & Redaktion, PR & Magazin, WebContent, eBook, Corporate Book. Schwerpunktthemen: Alles was gut schmeckt, schön aussieht, sinnvoll ist & glücklich macht. Food, Travel, LifeBalance, Modern Times, Persönlichkeitsentwicklung.