Mittwoch, 9. August 2017

Mittwochsthema: So arbeiten Unternehmen und Freiberufler mit Textkreativen zusammen (1)




Einmal in eigener Sache, aus vielfältigem Anlass und weil ich öfters nachgefragt werde, wie das eigentlich zwischen Unternehmen und Textkreativen so läuft. Ich nenne mich ja gerne eine Textwerkerin, denn es gehört auch viel Handwerk, Routine, Erfahrung dazu, Texte zu verfassen, die wirken und dem Auftraggeber Nutzen bringen, die dem Leser Spaß machen und Google (im Falle von Webcontent) zu einem Schmunzeln veranlassen.

Daher habe ich - nicht zuletzt auch um die Sommerpause mit etwas Amüsement zu füllen - eine kleine Serie mit folgenden Fragestellungen angelegt:

  1. Wie schaut es mit Nachfrage/Interesse nach hochwertigem Text aus?
  2. Was ist eigentlich Qualität beim Text? Wer sind meine "Wunschkunden"?
  3. Von der Anfrage bis zum Text: Wie sieht die professionelle Vorgehensweise aus?
  4. Welche Vorteile, Ergebnisse, Nutzen darf der Klient erwarten?
  5. Welche Textformate und Produkte werden zu welchem Ziel und zu welchen Honoraren gehandelt?
  6. Was sollten Klienten über Rechte wissen? Welche Vereinbarungen sind nötig?
  7. Was wünscht sich ein Profi-Texter von einem Profi-Klienten?

(Folge 1) Nachfrage & Interesse an Texten - Was darf/muss ein hochwertiger Text kosten?


Die Nachfrage ist - nicht erst seit Google die Direktive ausgab, dass ein SEO-Text mindestens 500 Wörter bis 1.200 oder mehr enthalten soll - erfreulich hoch. Die Unkenntnis was einen guten Text und Texter ausmacht allerdings ebenso.

Über wenig gibt es mehr Unsicherheit als über die Frage von Qualität bei Texten. Der Markt ist - salopp ausgedrückt - ziemlich "versaut", soll heißen: eine stattliche Anzahl von Texterbörsen buhlt um die Gunst der Auftraggeber, die Texte benötigen. Und dies läuft vorrangig über den (sehr niedrigen) Preis. 

Ich habe just for fun das Keyword "Texte schreiben lassen" gegoogelt. Auf der ersten Seite und der ersten Hälfte der zweiten Seite tauchen 12 Plattformen und Börsen auf, die zwischen Klienten und Text-Auftragnehmern vermitteln. Ihre Einträge sind mit "Anzeige" gekennzeichnet, sie lassen es sich also etwas kosten, wenn sie auf Seite 1 ganz oben erscheinen wollen. Dieses Ranking ist kein organisches, es sagt nix über die Qualität der Portale aus. 




Textbörsen bieten sich auf den ersten Blick sehr kostengünstig an - Damit kann kein Profi-Autor mithalten. Was muss ein selbstständiger Textwerker bei seinen Honorarsätzen berücksichtigen?

Textbörsen bieten Autoren und solchen, die es vielleicht noch werden wollen, eine Heimat in einem Pool, der nach Sternen von 1 bis 5 geteilt ist. Danach berechnen sich die Wortpreise (von 0,25 bis 5 Cent), die sie den potenziellen Textkunden zzgl. eines Aufschlags von in der Regel 33 Prozent berechnen. Dass sich die Honorarbeträge bei Texten in einem Umfang von 300-500 Wörtern dann für den Texter im Bereich zwischen 1,50 bis 25 Euro bewegen, legt die Vermutung nahe, dass es sich hier nicht um professionelle Wort-Täter handeln kann, die für sich und ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, sondern um Amateure und Hobbyschreiber wie Bürokräfte, Schüler und Studenten, Hausfrauen und Mütter, pensionierte Lehrer, Angestellte und Beamte mit Zeit und Lust auf Federhalter. Menschen eben, die gerne was dazu verdienen wollen. Falls sie sich auf ein Spezialgebiet - z.B. Reisen - geworfen haben, und fix mit der Tastatur sind, kann das auch so sein.

Auf Platz 13 (auf der zweiten Seite) der Google-Schlagwortrecherche erscheint nach den Texterbörsen-Anzeigen als erste freie, selbstständige, autonome Schreiberin und Textwerkerin Miss Word!. Das ist erst mal sehr schön. Das Problem aber ist, dass sich bei Besuchern, die über von Höhe und Rechtmäßigkeit von Textpreisen bislang wenig oder gar keine Kenntnis hatten, bereits die Dumpingpreise der Massenanbieter von Platz 1-12 ins Gehirn (oder schlimmer im Unbewussten) eingeprägt haben. 

Soll heißen: Sie müssen ja meine Konditionen - die einer selbstständigen Freiberuflerin, die wie ein Einzelunternehmer für alles selbst zu sorgen hat, für vergleichsweise hochpreisig halten und darum MissWord! als (zu) "teuer" einstufen. 


Texthonorare - Wie kommt es zu dieser Diskrepanz? 


Akquise, Marketing, Marktbestimmung, Kontaktpflege, Buchhaltung, Fortbildung, Fachliteratur, Networking, Organisation und Administration sind (neben der eigentlichen Text- und Projektarbeit) von Solo-Unternehmern allein zu stemmen und nicht nur der Lebensunterhalt und die laufenden Fixkosten, sondern alle sozialen Abgaben, Gesundheits-, Versicherungs- und Absicherungsaufwendungen müssen selbst erwirtschaftet werden, denn hier springt kein gesetzliche Versorger ein. Auch potenzielle Ausfälle müssen berücksichtigt werden, und dass kein Selbstständiger 100 Prozent seiner Arbeitszeit fakturieren kann (sondern 50-60 Prozent) ist ebenso Fakt.  Dass das Finanzamt kräftig mitverdient, steht auf einem ganz anderen Blatt.


In allen Branchen müssen zudem Qualifikation und Ausbildung, Fortbildung, Spezielle Fertigkeiten, Erfahrung und Expertise (nicht zuletzt Einsatz und Sonderservices) ihren Niederschlag finden in höheren Honoraren. Und das ist auch gut so. Und so muss es auch im Text- und Content-Bereich sein.

Ich bin seit 24 Jahren selbstständig und bespiele die ganze Klaviatur der Textformate (journalistisch-redaktionell, Web, Print, Werbung, PR) inklusive gründlicher Beratung, Konzeptions- und Strategiewissen, Sonder- und Fachexpertise. "Sie bringen vollen Einsatz", sagte kürzlich ein Klient, "intensiv und effizient!" und das hat mich sehr gefreut. Kunden, die beste Resultate wünschen, wissen das zu würdigen. Wenn ich also zu den o.a. Textbörsen-Preisen arbeiten würde, wäre es so, als ob die goldglänzende Kuppel des Petersdom mit Dachpappe gedeckt oder der Marmorboden der Hagia Sophia mit Meterware-Teppichboden ausgelegt wäre. - Klingt arrogant? Ach, nöö.

Warnung: Das kann jetzt etwas schmerzen!

Ein Auftraggeber ist gut beraten, wenn er bei der Wahl der Textkraft den Preis als sekundäres Geschlechtsmerkmal einordnet - Billig kann nämlich ganz schön teuer kommen! 

Nämlich dann, 
  • wenn die Verweildauer der User auf der Website aufgrund stümperhaften Contents nur kurz ist und der Text die Unternehmensinhalte nicht erkennen lässt,
  • Wenn Webseiten aus der egozentrierten Sicht das Inhabers völlig am Kundennutzen vorbeireden,
  • wenn der Internetauftritt bei Google auf Desinteresse stößt, 
  • wenn die Pressemitteilung sich wie Eigenwerbung anhört und von Redaktionen abgelehnt wird, ja Absender auch auf die No-Go-Liste gesetzt werden,
  • wenn das Business-Mailing vollkommen am Interesse des Adressaten vorbeischrammt, 
  • wenn die Messe-Einladung keinen wirklich erreicht,
  • wenn die Image-Broschüre vor Eigenlob strotzt und den Leser abtörnt,
  • wenn sich das Unternehmen in den Mittelpunkt des Geschehens stellt und die Lösung, die es für Interessenten bieten kann, vernachlässigt oder gar nicht kennt,
  • wenn das E-Book nichts als heiße Luft und keine Substanz ausstößt,
  • wenn Magazin- oder Blogtexte keinen Mehrwert bieten,
  • wenn einfach darauf los geschrieben wird, ohne die Unternehmensinhalte nur annähernd erfasst zu haben, ohne Strategie und erkennbare Konzeption,
  • wenn die Unternehmenspublikation, das Booklet, das Corporate Book gähnende Langeweile verbreiten,
  • wenn ...
Tut ein bisschen weh, ich weiß. Aber Sie wollen doch Klartext, oder?

Nicht oder nur langfristig reparierbare Imageschäden, Umsatzeinbußen, Defizite bei der Wertschöpfung, mittel- bis langfristige Verluste sind nicht leicht auszubessern. Das dauert. Text-Pfusch in Qualitätstext zu verwandeln ist teurer und aufwändiger als von vorne herein auf Qualität und Niveau zu setzen. Natürlich ist es immer eine Frage des eigenen Anspruchs bei Unternehmen - wie weit ist ihnen bewusst, was die Außendarstellung bewirken kann - im Guten wie im Schlechten. Eine vorherige Positionierung klärt die Fronten.

Gretchenfrage: Wie erkennt man einen Profitexter? 

Dazu in Folge 2) Was macht Textqualität aus? - Demnächst in dieser Spalte. Bleiben Sie dran! 

Leser, die bereits länger auf 1a-Grenada mitlesen, haben es vielleicht bemerkt: Ab jetzt heißt das bisherige Sonntagsthema "Mittwochsthema", die bisherige Mittwochssuppe "Sonntagssuppe". 


Nichts ist beständiger als der Wandel! 
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Bildnachweise:

rote Schreibmaschine: Stocksnap.io, Luca Bravo
Geldmünzen: Stocksnap.io, Einkaufen


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Sigrid Jo Gruner  unterstützt als "MissWord! (www.missword.de) Redaktionsbüro für strategische Kommunikation" Unternehmen und Selbstständige bei ihrer Positionierung und Unternehmenskommunikation. Schwerpunkte: Strategische Beratung, Konzeption & Redaktion, PR- & Magazintext, Web-Content, E-Book & Corporate Book. Und 24-jährige Erfahrung.


Schwerpunktthemen: Alles was gut schmeckt, schön aussieht, sinnvoll ist & glücklich macht. Gesellschaftspolitische und Zeitthemen, komplexes B2B, Food, Travel, LifeBalance, Branding, Persönlichkeitsentwicklung.