Sonntag, 31. Mai 2015

Sonntagsthema: "Die Schwierigen" oder von der Not sich zu positionieren




Die Schwierigen oder Wie positioniere ich mich als Kreativwirtschaftlerin?


Das Magazin "Brand Eins" widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe den „Schwierigen, den unangepassten Kreativen“. Bereits vor 10 Jahren nahm sich das Magazin in der Juli-Ausgabe der Frage an, wie eine eher an Handarbeit orientierte Gesellschaft, in der der Anteil der Industrie am Bruttosozialprodukt aber immer weiter schrumpft, mit ihren Vorbehalten und Ressentiments gegenüber der Kreativwirtschaft umgehen sollte. Das Klischee hieß: Handarbeit ist ehrlich und respektabel, Kopfarbeit unberechenbar und wenn sie allzu kreativ daherkommt auch dubios. 

Heute zweifelt kein Volkswirtschaftler mehr daran, dass der Ideen- und Kreativwirtschaft bereits die Gegenwart und mehr noch die Zukunft gehören. Warum begegnen Intellektuelle und Kreative immer noch dem Stigma des Unpraktischen, Unbotmäßigen, Unzweckmäßigen, Unerwünschten, nicht ganz Ernstzunehmenden ? 



Liegt es vielleicht an der Positionierung?


Nach 21 Jahren Selbstständigkeit stellte ich mich vielleicht zum ersten Mal wirklich der Problematik der Positionierung. Es lief ja bisher ganz ordentlich, mein „Bauchladen“ an Angeboten ist stattlich – vom SEO-Text zum Ghostwriting, vom Slogan zum Sachbuch, von der Website zum Flyer, von der Rede zum eBook, von der Beratung zum Texttuning, vom Unternehmensprofil zum Storyboard, von der Reisestory zum Feature - Die Klaviatur der journalistischen, Web- und PR-Formate kann ich locker bedienen. Textuell, werblich, redaktionell, narrativ, emotional, sachbezogen, unterhaltsam und ironisch, länger oder kürzer, mit weniger oder mehr Wörtern.

Soweit so gut. Was machte mich aber zunehmend unzufrieden und – tja, ich sag es ungern – mürrischer? Wie eine übersatte Maus, die zu viel am Speck naschte und nun Mühe hat, vor der Katze davonzulaufen?

Ist weniger wirklich immer mehr?


Es war Überfluss in all dem, was ich in über 25 Jahren Berufstätigkeit erworben hatte. Hatte es mit einem bodenständigen PR-Business für mittlere bis große Unternehmen angefangen, drohte der prall gefüllte Bauchladen nun in Beliebigkeit umzukippen. Zumindest gefühlt. Denn: Wer jeden bedient, erreicht keinen wirklich, heißt es.  Grübel ..

Das ist an sich nicht neu. Aber neu für mich war das Unbehagen, das sich einschlich, als ich mich – nach den 12 goldenen Regeln eines Unternehmensberaters – bemühte, die Spreu vom Weizen zu trennen. Was sind meine einzigartigen (!) Stärken, was ist Pflicht, was Kür, was wird oft nachgefragt und was ist eher ein „Orchideenfach“, was wird aufwands- und leistungsgerecht honoriert, wo zahle ich drauf, wo sitzen meine Zielgruppen zu denen mein Angebot passt, bei welchen Schwerpunktthemen habe ich den größten Know-how-Fundus, wem kann ich den meisten Nutzen bieten? 

Endlich erreichte ich auch den Casus knaxus: Was lässt mich innerlich strahlen


Das vielbemühte Alleinstellungsmerkmal und die Suche nach den Wunschkind - ääh .. dem Wunschkunden 


Beide sind uns lieb und teuer, beide können schon mal nerven.;-) Mindestens drei scharf umrissene und intelligent aufeinander bezogene Alleinstellungsmerkmale sollte man haben, sagt der Unternehmensberater, um sich aus dem Nirwana der Vergleichbarkeit hervorzuheben. Eine präzise Nische voller Wunschkundenbedürfnisse sollte man finden. Das one-and-only-Thema definieren (hat was von der Suche nach Mr. Right;-)) Qualitäten herausarbeiten, die nur auf mich zuträfen!

Gar nicht so einfach in einer überfluteten Kommunikationswelt. Aber als Fachartikel-Texter für Zooartikel mit Fokus auf seltenen Reptilien sehe ich mich nicht. Auch nicht als Spezialistin für textile Wurstwaren oder als der ultimative Textprofi für Anglerbedarf, Knöpfehersteller, Gartenschläuche und Lakritzköche (doch, letzteres vielleicht schon!), Koi-Karpfen-Halter, Nerzzüchter, Containervermieter oder Dampfkesselverschluss-Maschinendesigner. 

 

Alles honorige Geschäftsbereiche – aber sich und seine Kreativität derartig einzuengen, missfällt mir. Bin ich dafür einfach zu neugierig, offen und aufnahmebereit für alles, was sich mir Neues in den Weg stellt? – Routine macht mich kurzatmig und kontrollierte Einengung ist des Teufels. Monotonie legt hinterhältige Fallstricke und an den unsichtbaren Glaswänden von Business-as-usual holen Kreative  sich blutige Nasen.

Die Kreativen sind eben doch die „Schwierigen“ – 

die nachfragen, bohren, hinterfragen, alles in Frage stellen, aus dem Rahmen fallen und gleichzeitig auch wieder alles in einem Kontext zusammenbringen. Die keine Topfpflanzen im Büro haben, aber auch keine festen Arbeitszeiten, die sprunghaft sein können, aber auf diesen Sprüngen immer ein Stück weiter kommen, die schon mal nerven, aber auch Freudentänze provozieren wenn ihre Ideen Gestalt annehmen. Wenn man sie denn auch lässt ..

Was sagt Hans Eysenck dazu?


"Brand Eins" berichtete bereits 2005 von einem Experiment, dem sogenannte Praktiker und Kreative unterzogen wurden. Es sollte den Grad an Störbarkeit durch Hintergrundgeräusche messen, während beide Gruppen einer relativ tumben Tätigkeit nachgingen. Während die erste Gruppe sich von nichts beeinträchtigen ließ und ihre Aufgabe stoisch abarbeitete, versagten die Kreativen auf ganzer Linie. 

Das Fazit der Hirnforscher war sinngemäß so: Kreative sind deswegen kreativ, weil ihr Gehirn auf Sinnenreize aller Art höchst offen und freudig reagiert, während in den durchschnittlicheren Oberstübchen der Praktiker die sog. „latente Hemmung“ Reize von außen abblockt. Kreative brauchen äußerste Konzentration, um zu Höchstleistung aufzufahren. Einflüsse von außen sind für sie wie Speerspitzen. An den eher praktisch veranlagten Menschen rüttelt Neues und von außen Eindringendes vergeblich. Daher eignen sie sich fabelhaft dazu, relativ stereotype Arbeitsgänge perfekt abzuwickeln. 

In den Denkorganen von kreativ Veranlagten ist dieser Hemmungs-Mechanismus äußerst gering entwickelt, daher saugt das Gehirn rund um die Uhr zu 360 Grad alle Impulse auf, die ihm begegnen. Diese dezidierte Meinung hat bereits in den Siebziger Jahren Hans Eysenck vertreten. Der deutschstämmige Psychologe (1916 bis 1997) war die Kapazität (nicht nur) seiner Zeit in der Forschung zu den Unterschieden von menschlicher Intelligenz und Persönlichkeit.


Das war der Punkt, wo der Frosch ins Wasser sprang!


Ich erkannte: Mein Alleinstellungsmerkmal? Das bin ich – so wie ich nun mal bin. Das Produkt von Genen, frühen Prägungen, Erfahrungen, Intuition, Entwicklung, Reflexion, Konfrontation mit dem Leben und aller Art von Beziehungen. Meine immense, in 25 Jahren organisch gewachsene Bandbreite und die Vielseitigkeit in Textformat, Thema, Herkommen sind mein ganz persönlicher USP. 

Soll heißen:

Der Journalismus befähigt mich, recherchestark und analytisch vorzugehen. Der ausgeprägte PR-Hintergrund (Lobbying, Strategieberatung, Veranstaltung, Presse, Sponsoring, Public Affairs) lässt mich Botschaften und Informationen ziel- und zielgruppenorientiert aufbereiten, mit der nötigen Verve versehen und in die richtigen Kanäle leiten. Konzept & Strategie sind das unabdingbare Rüstzeug für alles Handeln. Für das Web zu schreiben bedeutet Funktionalität und Gesetzmäßigkeit. Das narrative Schreiben stärkt meinen bildhaften Stil und bringt die Emotionalität dazu. Das szenische Schreiben die dramaturgische Kraft. Das Lektorat lehrte mich, Logik und Stringenz in Texte zu bringen, die diese entbehrten. Ghostwriting in eine fremde Stimme zu schlüpfen. Texttuning einen unzureichenden in einen Klasse-Text umzuwandeln.  


Und ich erkannte: Das isses! Das findet sich so leicht kein zweites Mal in der Branche.


Aber wie kann ich das alles in die richtige Form gießen? Schreiben ist mein Nabel, um den sich alles dreht. Aussortieren sollte ich das, was keine Zuckungen in meinem Innern verursacht. Loslassen kann allerdings schmerzhaft sein. Und erfordert Mut. Und man muss es vielleicht erklären. Faule Kompromisse tun aber auch weh, früher oder später.

Mein Herz-Thema ist klar. Als passionierter Genussmensch sind alle sinnlichen Wahrnehmungen (was gut schmeckt, schön aussieht, sich gut anfühlt, fein duftet, sinnvoll und wertig ist, die Welt ein Stückweit verändert und unseren Planeten erhält) mein Ding. Kulinarik, Essen, Trinken, erfüllt und erfüllend Leben in allen Facetten. Und das liegt in der Luft, ohne es auszusprechen. Picasso suchte nicht, sondern fand. Man muss kein Genie sein, um sich diesen Grundsatz anzueignen.

Ist mein USP also doch mein kreativer "Bauchladen"? Hmmh, darüber muss ich wohl doch noch mal nachdenken.

Sigrid Jo Gruner  unterstützt als "MissWord! (www.missword.de) Redaktionsbüro für strategische Kommunikation" Unternehmen und Selbstständige bei ihrer Positionierung und Unternehmenskommunikation. Schwerpunkte: Strategische Beratung, Konzeption & Redaktion, PR- & Magazintext, Web-Content, E-Book & Corporate Book. Und 24-jährige Erfahrung.

Schwerpunktthemen: Alles was gut schmeckt, schön aussieht, sinnvoll ist & glücklich macht. Gesellschaftspolitische und Zeitthemen, komplexes B2B, Food, Travel, LifeBalance, Branding, Persönlichkeitsentwicklung.


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