Montag, 22. Juni 2015

Montags um 9 : Mehr Ich!


Mehr Mut zu "Mehr Ich!"

Warum sich Solisten so gerne als "Wir" verkaufen und wieso Narzissmus im Übermaß nicht wirklich nett ist

Patient: "I feel like a monster!"
Psychoanalytiker: "Sie müssen lernen sich selbst zu lieben!" 


Wenn man sich hierzulande beim Smalltalk, bei Parties, Meetings, Empfang kennenlernt, ist eine der rasch fallenden Fragen: "Was machen Sie so?"Andere Nationen interessieren sich erst mal für die Person, deren Leidenschaften und Vorlieben, dann - irgendwann später, nach dem 2. oder 3. Glas Wein oder gar erst beim zweiten Zusammentreffen - kommt die Frage nach dem Beruf auf. Dann kann es folgenden kleinen Dialog geben:
  • Ich: "Ich bin Text-Solistin und das ist auch gut so." 
  • Dann kommt: "Ach, Sie schreiben? Kann man davon leben?" 
  • Ich, augenzwinkernd: "Mehr oder weniger" ;)
  • Das Gegenüber mit gehobenen Augenbrauen: "Und das geht?" 
  • Ich, leicht gelangweilt: "Ja. Was ich nicht selbst optimal erledigen kann, übernehmen erfahrene Netzwerkpartner aus Grafik, Webdesign, Programmierung, Online Marketing, SEO, Video, Ton.. whatever". 
  • "Aha", sagt der Andere .. und geht entweder wieder zum Small Talk über, wobei seine Blicke von mir weg zur restlichen Community gleiten, wie um mir zu signalisieren: "Das ist ja irgendwie schräg. Kann man das ernst nehmen?" 
  • Oder er sagt: "Toll. Ich mag Solisten. Die sind ja auch bei einem Konzert die Interessantesten. Und mit dem Orchester zusammen ein Erlebnis." 

Letzteres ist dann ein richtig nährender Kontakt, der sich zu pflegen lohnt.

Warum tun sich viele Solo-Unternehmer mit ihrem Status schwer?


Eine Masse an Likes, Fans und Followers bedeutet ja nicht zwingend eine gewachsene Reichweite. Genauso wenig muss im Kreativsektor ein Mehr an Mitarbeitern auch eine Qualitätssteigerung bedeuten. Viele kleinere und mittlere Unternehmen bevorzugen Dienstleister-Solisten mit einem scharfen Profil, weil diese über eine Menge Vorzüge verfügen, die wiederum zu Vorteilen für die Kunden werden:
  1. · Alles Chefsache
  2. · Alles aus einer Hand, aus einem Guss
  3. · Keine komplizierten Dienstwege
  4. · Koordinierung mit externen Dienstleistern in einer Hand
  5. · Zeitnahe Bearbeitung, rasche Entscheidungen
  6. · Persönlicher Kontakt, intensive Beratung
  7. · Maximales Engagement – weil es um das eigene Baby geht
  8. · Verlässlichkeit, Etatsicherheit (in der Regel) und sinnvoll eingesetzte Budgets
  9. · Schlanke Strukturen und zeitliche Flexibilität
  10. · Keine überhöhten Preise, die dem Überbau geschuldet sind

Das liest sich doch ganz erfreulich. Warum also von "Wir" sprechen, wenn es doch lediglich "Ich" ist? Warum den Bürohund, das Bürofrettchen, die Bürofledermaus (je nach Geschmack:-) bemühen, um den Anschein eines Teams zu erwecken? (Im Sinne von Emotionalisierung ist es allerdings o.k.)Warum Größe (im Sinne von personellem Umfang) vorgaukeln, wenn bereits im Impressum oder spätestens in der Arbeit die Wahrheit ans Licht kommt? Warum sich für sein Solistentum genieren, wenn man doch zu seinen eigenen Vorzügen stehen kann? Die Wunschkunden werden es goutieren. Im anderen Fall fühlen sie sich hinters Licht geführt.

Frage: Ist ein Hang zu überbordender Selfie-Produktion bereits ein Zeichen von übersteigertem Narzissmus? Oder doch nur ein Mittel zum Zwecke der Kontaktpflege? Grübel, grübel ..

Ich fühle mich ein bisschen unwohl, wenn ich hier ein Urteil abgebe, ich, die ich mich - wie ein XING-Kontakt kürzlich schrieb - "geradezu kichernd hinter meinem Pseudonym MissWord! und der entsprechenden Kunstfigur verstecke." Ganz getroffen hat er es nicht - Ich möchte einfach beide Identitäten - die materielle und die artifizielle - säuberlich von einander trennen. - Himmel, ist das schon ein Borderline-Symptom?

Was hat eine Magnum-Champagnerflasche mit Kundenarbeit zu tun?


Als ich vor langer, langer Zeit als Senior Consultant/Group Manager in einer internationalen und schwer angesehenen PR-Agentur anheuerte und für Konzeption, New Business und KeyAccounts zuständig war, erlebte ich mit Erstaunen, wie bei Ausschreibungen und Präsentationen die Elite aus dem europäischen Netzwerk zum Pitch zusammengezogen wurde. Das Feuerwerk, das dann auf die potenziellen Auftraggeber niederging, überzeugte in der Regel, in der täglichen Arbeit aber, die dann von den "normalen" und zum Teil recht unerfahrenen Mitarbeitern geleistet wurde, fiel ziemlich rasch ein Qualitätsleck gegenüber der Präsentation auf. Was schon mal dazu führte, dass ein üppiger Etat nach einem Anstandsjahr verloren ging.

Wollen wir das?

Nein, wir wollen Kontinuität, organisches Wachstum, Erfolg für unsere Kunden und für uns selbst. Bei einer Champagnerflasche sind ja auch nicht Glas und Etikett qualitätsentscheidend (wenngleich imagebildend), sondern der prickelnde Inhalt. Kompromiss: Beides muss hochwertig sein! Aber: Magnumflaschen sind teurer, aber nicht besser. Juste au contraire - man kann sie schwer kühlen.


"Mehr Licht" - Goethes letzte Worte


Aber es könnte auch "Mehr Ich!"gewesen sein, vielleicht hat der treue Eckermann sich ja verhört? Dem egostarken Dichterfürsten würde es durchaus zu pass kommen. Wenn ich hier zu "Mehr Mut zum Ich" aufrufe, dann rede ich ein wenig dem gesunden Narzissmus das Wort, der in uns allen steckt, latent oder virulent. Eine gute Dosis davon kann ja für Kreative recht nützlich sein. Sich selbst wertzuschätzen ist bekanntlich die beste Basis um Bindungen  geschmeidig zu gestalten. Menschen, die in ihren ganz frühen Jahren keine Geborgenheit erfuhren, tun sich damit schwerer, denn das Urvertrauen in die Zukunft fehlt.

Übersteigerte Narzissten dagegen fordern von Schicksal und Mensch stetige Bewunderung und Ehrerbietung. Das lässt sie grandios erscheinen, macht sie aber auch schwer erträglich, und dann gefährlich, wenn sie völlig  frei von Empathie und Scham Andere für ihre persönliche Zielerreichung ausnutzen.

"Chef-Narzissmus" ist übrigens mittlerweile ein eigenes Forschungsthema, denn narzisstische Betriebslenker können nicht nur Einzelne, sondern ganze Unternehmen zum Kippen bringen. Charaktere wie der verstorbene Steve Jobs, Larry Page, Mark Zuckerberg, allesamt dem Silicon Valley entsprungen, hatten und haben ganz unzweifelhaft eine erkleckliche Portion Narzissmus im Blut.

Die Qualitäten einer Barfrau: "About.me" im Internetauftritt


Arbeite ich an Website-Content, beschwöre ich die Auftraggeber und Websiten-Inhaber, in das zweite Glied zurückzutreten und die Sicht des Users und potenziellen Nutzers einzunehmen. Das ist richtig und gut so. Mit einer Ausnahme - auf der "Über-Mich"-Seite (kann auch Unternehmen, Profil, Über Meier & Co heißen), die bekanntlich am meisten geklickt wird, sollte man dem Narziss in sich ordentlich Futter geben. Warum? Wollen die User hier noch einmal eine Leistungs- und Angebotsaufzählung aufgedrängt bekommen?? Nein, tun sie nicht. Wollen sie Allgemeinplätze wie "Serviceverständnis", "Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt", "Wir sind erfahren und kompetent" lesen? Nein, sicherlich auch nicht. "Wir sind die Größten und Schönsten"? Nööö. Kommt gar nicht gut.

Aber was wollen sie dann? 

Sie wollen - zumal bei Online Plattformen und Shops - wissen, wer sich dahinter verbirgt. Sind es noch Menschen oder schon Fake-Profile (wie es auf XING bereits aufgedeckt wurde) und wenn ja, was soll ich von ihnen halten? Wenn ich Geld über den Tresen schiebe, dann doch viel vergnügter, wenn ich weiß in welche Hände es gerät, oder? Das ist die Qualität einer Barfrau - sie verspricht alles und hält nix - aber vorher hat sie meist geduldig zugehört und dem Bargast das Gefühl gegeben, dass er wichtig und wertvoll sei.

Potenzielle Auftraggeber, die mit einem Projekt, einer Website, einem Shop schwanger gehen, sind in einer kritischen Verfassung - Sie, die in ihrem ureigenen Business absolut kompetent sind, fühlen sich schlichtweg überfordert. Sie müssen sich eingestehen: "Das kann ich nicht selbst" und das ist einschüchternd, wenn nicht sogar beschämend. Vieles steckt in einem Projekt: Zeit, Budget, Reputation, Standing, das Risiko des Scheiterns. Kurz: "Es könnte in die Hose gehen!"

Daher hat Vertrauensaufbau auf der Über-Mich-Seite oberste Priorität


Nicht über das sprechen was man tut, sondern wie, warum, mit welchem Erfolg und Kundennutzen man was umsetzt. Und woran der Kundengewinn sichtbar auszumachen ist. Auf der "Über-Mich!"-Seite hat der Dienstleister jede Menge Gelegenheit ins Eingemachte zu gehen und preiszugeben, was im User Spontanreflexe wie diese weckt: "Hier fühle ich mich gut aufgehoben. Diesem Menschen möchte ich mein Problem, mein Projekt anvertrauen. Dort werde ich wohl auch nicht übervorteilt. Da ist mein Geld gut angelegt. Das macht mich an. Mein Gefühl sag: Ja, ich will! Ich riskier's!" - Willkommen im Portfolio.

Aber Vorsicht:

Binnensicht macht ja meist betriebsblind. Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen, meist ist er sich seiner Schwächen mehr als ihm gut tut bewusst, während er seine Stärken und Potenziale eher zu gering einschätzt - Narzissten und Grandiose natürlich ausgenommen. Daher macht ein externer Sparringspartner sehr viel Sinn. Er hat die Distanz, den Sachverstand und die Chuzpe, das herauszukitzeln, was die Essenz des Unternehmens bereits ist oder in der Zukunft darstellen soll. Und das ist im Nebeneffekt auch noch ein sehr spannender Prozess. Selbstreflexion hat noch keinem geschadet.




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