Montag, 11. April 2016

Aufgespießt: Wenn der Kuckuck zweimal ruft

Entwarnung in heikler Sache


Bislang war es nicht nur ein beliebtes Thema für filmische Dramen – Kinder, die irgendwann mit der Neuigkeit konfrontiert wurden, dass der Mann, den sie Vater nannten, nicht ihr biologischer Erzeuger war. Annahmen von 10% - 20% Kuckuckskindern wurden Jahrhunderte lang kolportiert, allerdings nie erwiesen. Gerüchte, Vorbehalte, Ängste spielten eine Rolle. Nach der sexuellen Revolution der Neuzeit mit ihren empfängnisverhütenden Errungenschaften nahm man an, dass Kuckuckskinder vermeidbar wären. Allerdings passiert es schon mal nicht ohne Absicht. Neueste Erkenntnisse belgischer Wissenschaftler lassen nun daran starke Zweifel aufkommen, dass es früher mehr Kuckuckskinder gegeben hätte. Im Fachblatt „Trends in Ecology & Evolution“ zeigen sie auf, dass nur ein bis zwei Prozent der Kinder durch außerehelichen Geschlechtsverkehr ins heimische Nest gesetzt würden. Und das sei schon historisch so gewesen.

Wenn der Kuckuck zweimal ruft


Die Forschergruppe um Maarten Larmuseau von der KV Leuwen identifizierte nach der Analyse von genetischen Daten, die mit anderen, die aus der Ahnenforschung stammten, kombiniert wurden, für Belgien eine Quote von 0,9 Prozent pro Generation. Ähnliche Resultate erbrachten andere Forscher für Spanien, Italien, Südafrika und Mali.

Ihren Namen beziehen Kuckuckskinder aus der Tierwelt, in der Seitensprünge viel häufiger sind als in menschlichen Populationen. Kuckucksweibchen entziehen sich der Brut und der Aufzucht ihres Nachwuchses, indem sie ihre Eier in fremde Nester deponieren. Clever hilft ihnen die Natur bei der List: Die Eier nehmen auf wundersame Weise die Färbung der Eier ihrer Vogel-Wirtin an.

Was ist dran an der Legende von der Erschleichung guter Gene durch Seitensprung?


Für Tierweibchen sind ein Seitensprung und das Unterschieben eines fremden Kindes eine Frage der evolutionstechnischen Überlebens und Optimierens. Es kann sich der Hoffnung hingeben, dass es durch bessere Gene dem Nachwuchs mehr Überlebenschancen vermittelt. Außerdem könnte es in die komfortable Lage kommen, dass gleich zwei Väter sich um die Jungen kümmern.

Menschen haben es da ungleich schwerer. Das Y-Chromosom, das vom Vater an den Sohn übertragen wird, kann sich als durchaus verräterisch erweisen – noch nach einigen Generationen. Außerdem ist das Risiko für Frauen, die durch Seitensprung schwanger werden, nicht unerheblich: Von körperlichen Kriterien wie Geschlechtskrankheiten einmal abgesehen, können die Konsequenzen Partnerschaften, Ehen und Familien zerstören. Schuldgefühle kommen spätestens dann auf, wenn an Vererben gedacht wird.

Können Männer endlich aufatmen?


Auch in Deutschland gab es vor einiger Zeit bereits Auswertungen von Studien, die auf eine niedrige Quote von Kuckuckskindern hinwiesen. Der Mediziner Johannes Fischer vom Universitätsklinikum Düsseldorf wies bei einer genetischen Untersuchung von fast 1000 Kindern von Familien, in denen das Kind auf eine Knochenmarksspende angewiesen war, auf, dass bei nur neun Kinder der Vater nicht der biologische Erzeuger sein konnte. Noch niedrigere Prozentzahlen (0,63 Prozent) ergab eine Schweizer Studie.

Können Männer nun aufatmen? Und warum ist die Angelegenheit für einen Mann so erschütternd? Schlechte Witze über Kinder, die dem Vater so gar nicht ähnlich sehen, gibt es zuhauf und sie sprechen Bände. Jeder Mann fühlt sich vermutlich an der Ehre verletzt, wenn er erkennen muss, dass sein Kind nur untergeschoben ist. Das geht an die Substanz und hat Konsequenzen, auch für das Kind.

Gut, dass Kuckuckskinder in der freien Wildbahn der Menschen selten vorkommen!