Samstag, 5. November 2016

Aufgespießt: Novemberblues - Melancholie ist wichtig!

November? - Ach, was soll's!


Nicht nur die von Wehmut & Trauer geschwängerten Feier- und Gedenktage des Novembers machen uns zu schaffen. Auch die verschatteten, lichtarmen Spätherbsttage trüben das Gemüt.

Dabei vergessen wir leicht, dass die Sonne scheint, auch wenn Wolken sie verdecken. Sanfte Melancholie, genüssliche Schwermut und überbordender Weltschmerz - bitter-süße Reminiszenz der deutschen Romantik - seien ein "überragender Kräftezustand der Seele", befand bereits Hippokrates. Ohne auf die Flüchtigkeit von Glück und Hochgefühl gefasst zu sein, könne man nicht leben, entstehe auch nichts Neues. Das zeitweise Zerschmelzen in Melancholie sei ein Potenzial, das die Seele klärt und reinigt. Wer hätte das noch nicht erlebt!


"Was macht ein Leben lebenswert?" 


Friedrich Hölderlin wurde sicherlich mit einem Übermaß an Melancholie vom Schicksal bedacht, und dichtete dennoch: "Trauert nicht, wenn eines Herzens Melodie verstummt! Bald findet eine Hand sich, wieder es zu stimmen." Die Melancholie sah er als Brücke zwischen Glück und Unglück. Und er selbst ging seinen ureigenen Weg: Seine Lyrik lässt sich in der Entstehungsepoche um 1800 weder der Klassik noch der Romantik zuordnen.

Ein rundherum glückliches Leben anzustreben ist nicht eben klug, denn ein ständig rauschhafter Glückszustand ist so unvorstellbar wie der zweimalige Hauptgewinn im Lotto, ein Fußmarsch zum Mond oder die große und einzige Liebe für immer und ewig. Und daher gar nicht wünschenswert. Glück wird vermutlich gnadenlos überschätzt, was eigentlich nur unglücklich machen kann. Was zählt, sind die Gelassenheit, froh und optimistisch seiner Wege zu gehen, die Zeit vergessen zu können mit Menschen und Tätigkeiten, die man liebt. Die Pflichten souverän und mit einer gewissen Hingabe zu erfüllen und seine Leidenschaften zu pflegen.

Das bedingt nicht zuletzt Vertrauen in sich selbst, die Gabe verzeihen zu können und mit Charme und Chuzpe den Mäandern des Lebens zu folgen. Das klingt nach "viel verlangt!" Schaut man genauer hin, sollte man das eigentlich hinkriegen - wenn .., ja, wenn man eben nicht nach dem absoluten Glück schielt. 


Die Fähigkeit Beziehungen einzugehen und Nähe zu gestalten wird bereits in frühester Kindheit gespurt


Oder eben auch nicht. Fehlt einem Kind das Grundvertrauen in seine Beziehungspersonen, fühlt es sich abgelehnt oder unerwünscht, wird es vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht, wird sein Leben immer eine gewisse Sicherheit und Bindungsfähigkeit vermissen lassen. Das bedeutet Leben auf brüchigem Eis. Eltern sollten sich dessen bewusst sein.

Dennoch gibt es Hoffnung, denn Liebesfähigkeit, Neugier und Hingabe sind oft nur verschüttet und können - mit einem sensiblen Spaten - ausgebuddelt und trainiert werden! Ein gesunder Egoismus macht erst zur Liebe fähig, macht liebenswert und verantwortungsbewusst. Eine Gratwanderung allerdings für Menschen, die schwer Nein sagen können. 

Übrigens: 


Wussten Sie, dass stabile, nährende, erfüllende, Sicherheit gebende Freundschaften das Leben um bis zu 22 Prozent verlängern können? Das mag vielleicht wichtiger sein als eine stabile Zweier-Beziehung. Wahre Freundschaft ist unschuldiger, naiver, unverstellter, sie fällt uns leichter, weil die Pfundgewichte in der Waagschale nicht so schwer wiegen. In einer Zweierbeziehung geht es meist um alles oder nix, meinen wir zumindest. Von dieser Haltung sollte man sich rasch entfernen - auch in einer Zweierbeziehung gehört jeder letztlich nur sich selbst. Und das ist schon mal ne ganze Menge!

Und wenn gar nix hilft, bietet sich eine Flucht auf Harry Belafontes "Island in the sun" an! Calypso - und die Welt ist wieder in Ordnung.



Autorin, Texterin & PR-Beraterin Sigrid Jo Gruner schreibt als MissWord! Webcontent, Magazin, Pressetext, Unternehmenspublikation, als Ghostwriterin Reden, Artikel und Bücher. In Strategieworkshops entwickeln Unternehmen und selbstständige Freiberufler mit MissWord! stimmige Positionierungen, Kernaussagen, Business- und Imagetexte und ein Corporate Wording. 


Bildnachweis:
Stocksnap, Steve Halama