Freitag, 14. Juli 2017

Aufgespießt: Der Charme der Sommerfrische oder ...

.. macht das Internet eigentlich auch mal Betriebsferien? 


Sommer. Die Städte leeren sich. Die Einzelhändler in nicht-digitaler Zeit stellten zur Ferienzeit das Schild "Betriebsurlaub bis xx" in die Schaufenster und fuhren auf und davon. Die Zurückbleibenden hatten das Nachsehen. Heute, ja in diesen glücklichen Online-Shop-Zeiten kann der stationäre Handel sich ein solch schnödes, wenn auch verständliches Vorgehen nicht mehr erlauben. Sommerfrische - ein romantischer Begriff aus einer versunkenen analogen Zeit?

Urlaub - Ferien - Sommerfrische - Auf und davon!

Wenn Fleischer, Bäcker und Händler zeitgleich mit den Schulferien die Rolladen herunter ließen, blieben die Theken kalt. Nicht nur globale Vernetzung, auch die ubiquitäre, gleichmachende Digitalisierung macht heute Betriebsruhe obsolet. Die Sommerfrische war eine Orientierung gebende Zäsur. Heute ist jederzeit alles möglich, das Zeitempfinden verwischt. 

Sommerfrische als Flucht aus der heißen, stickigen Stadt

Die regierenden Häuser des Hochadels kreierten die Sommerresidenzen, die luxuriösen Seevillen, Datschen und Berghütten, die heute einen matten Niederschlag in Ferienhäusern und Fincas finden. Denken wir an die „glücklichen Tage in Aranjuez“, an das Sintra (Byrons Abbild vom himmlischen Eden) der portugiesischen Könige, an König Ludwigs Alpen-Paläste und Berghütten, an die Retreats eines Thomas Mann, Bertolt Brecht, Ödön von Horvath oder Alexander Puschkin. 

Als ab dem 18. Jahrhundert die Grand Tour ausgedehnte Bildungsreisen für Adelige, Kulturschaffende oder vermögende Erben zur Pflichtübung macht, blühte sie auf - die Liebe zu den antiken Stätten Italiens und Griechenlands. Auch skurrilere Reiseziele wie die Stätten der französischen Revolution oder die zu Kapitalen von Wissenschaft und Innovation, Technik und Fortschritt heranwachsenden englischen Industriestädte zogen Kulturbeflissene und Bildungsdurstige an. Die Rheinromantik etablierte sich. In dieser Zeit kam es auch zur Ausbildung einer bis heute faszinierenden und im Rang eines Mythos stehenden Institution, die sich leider nicht jeder leisten konnte und kann, dem Grandhotel alter Schule. 


Heute in Neapel - ist das noch Goethes Neapel?

Auch die zeit- und kostenfressende Grand Tour war nicht für jedes Budget geeignet. Goethe entfloh unter einem Decknamen dem für ihn zu eng gewordenen Weimar für einige Monate - und blieb zwei Jahre im sonnigen Süden, wo ihn nicht nur die Zitronenbäume in ihren Bann zogen. Allerdings arbeitete er währenddessen, netzwerkte mit anderen großen Geistern der Zeit und zog hohen schriftstellerischen und emotionalen Nutzen aus seiner Italianità-schwangeren Selbstfindung. In seiner "Italienischen Reise" hat er ihn festgehalten und damit nicht wenig zur Italiensehnsucht seiner Nachfahren beigetragen.* Seine Nacheiferer schrieben Postkarten an die Lieben zuhause. Auch gut. Heute schickt man ein Selfie, Aug in Aug mit dem Schiefen Turm von Pisa, dem Delphin Smoky oder dem Koloss von Rhodos. Na ja.

* Zu Neapel befand Goethe: "Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch.«


Vom Individualtourismus zur Pauschalreise


Als die Gebrüder Grimm 1838 zu ihrer Jahrhundertaufgabe "Deutsches Wörterbuch" ansetzten, lag die Etablierung der englischen Seebäder als Meilenstein sommerfrischer Urlaubswonnen bereits ein ganzes Jahrhundert zurück (man pilgerte nach Bath). Die Grimms definierten den Touristen als einen "Reisenden, der zu seinem Vergnügen, ohne festes Ziel, zu längerem Aufenthalt sich in fremde Länder begibt". Die Auswüchse des Massentourismus konnten sie nicht ahnen. Den Siegeszug der Eisenbahn jedoch haben sie noch erlebt. Er eröffnete dem Massentourismus Tür und Tor.



Seeeinsamkeit vor Berggigant - der Klassiker der Sommerfrische


Die Sommerfrische hierzulande hatte ihre Hochzeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wenn Fabrikbesitzer Schmitz in Köln, Kanzleirat Burger in München und der Berliner Kommerzienrat von Mayerhoff zur Ferienzeit seine Gemahlin nebst Hausmädchen, Koffer, Kisten und Kinder in der Kutsche verstauten (in die großzügige Limousine oder ins Erste-Klasse-Eisenbahncoupé) und ins Sommerhaus am Meer oder in purer Bergwelt verfrachteten. Dort verblieb die Familie für sechs bis acht Wochen und genoss gepflegte Geselligkeit in gesunder Luft und reizvoller Natur. Der Haushaltsvorstand war am Wochenende zugegen, werktags gestaltete er - der rührige Mann des Fortschritts - in der glühend heißen Stadt sein unfreiwilliges „Junggesellendasein auf Zeit“ mehr oder minder ausschweifend. In Billy Wilders Filmklassiker „Das verflixte siebente Jahr“ ist dieser schöne Gedanke verkörpert in Marilyn Monroe in den prüden Nachkriegsjahrzehnten angekommen. 

Reisen bildet - und macht glücklich. Wenn man es nicht zu tierisch ernst nimmt. Zu viel Programm schadet dem Erholungswert, zu wenig dem Intellekt. 

Dann mal - schöne Ferien!

PS: Hier geht es um eine Pauschalreise der besonderen Art - um einen unfreiwilligen Ausflug in ferne Galaxien.



Tags: Sommerfrische, Betriebsurlaub, Sommerferien, Urlaub, Tourist, Individualtourismus, Pauschalreise
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Sigrid Jo Gruner  unterstützt als "MissWord! (www.missword.de) Redaktionsbüro für strategische Kommunikation" Unternehmen und Selbstständige bei ihrer Positionierung und Unternehmenskommunikation. Schwerpunkte: Strategische Beratung, Konzeption & Redaktion, PR- & Magazintext, Web-Content, E-Book & Corporate Book. Und 24-jährige Erfahrung.

Schwerpunktthemen: Alles was gut schmeckt, schön aussieht, sinnvoll ist & glücklich macht. Gesellschaftspolitische und Zeitthemen, komplexes B2B, Food, Travel, LifeBalance, Branding, Persönlichkeitsentwicklung.



Fotonachweise:
Stocksnap.io Bess Hamiti (Heißluftballon)
Stocksnap.io Sofia Sforza (Straße in Neapel)
Stocksnap.io Dino Reichmuth (Gebirge, Haus am See)

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