Freitag, 13. Februar 2015

Aufgespießt: Hilfe, die Moderne überfordert mich!

Dichter schreiben Reflexionen 

Warum soll ein Normal-Schreiberling das nicht auch dürfen? Ich tu's einfach!


Kennen Sie das auch? Schon beim Aufwachen oder wenn der Wecker mahnt, schießen sofort die unterschiedlichsten Dinge durchs Hirn: Pflichten, Aufgaben, Termine, die der Tag mit sich bringen wird oder auf der To-do-Liste von gestern auf heute gerutscht sind. Wird man dazu noch aus einem gütigen Traum gerissen, ist es umso tragischer - das Ankommen in der Realwelt hat fast etwas Suizidales an sich - man trennt sich von dem Wesen, das man während der Nacht war und den Phantomen, die realer waren als man selbst. Man träume, um nicht wahnsinnig zu werden oder an der eigenen Gegenwart zu zerbrechen, sagte das Dostojewski? Ach, Fjodor!

Eigentlich - ja, jetzt oute ich mich mehr als es vielleicht opportun ist - habe ich oft das Gefühl, dass mich die moderne Kommunikationswelt mit ihrer Vielzahl an Medien überfordert. Nein, nicht weil es "Neuland" wäre, es ist einfach much too muchl! Zwischen den Segnungen der digitalen Welt, die ich zweifellos genieße, sehne ich mich nach mehr Ruhe, einem gelasseneren Tempo, einer schönen Unerreichbarkeit, die mich der Sorge enthebt zu reagieren oder zu agieren - War das nicht trotzdem irgendwie in Ordnung, als es nur ein Festnetztelefon gab? Ich erinnere mich an die ersten Faxversuche. Abenteuerlich! Voluminöse Gerätschaften wurden in Betrieb gesetzt, Spannung lag in der Luft - ein bisschen vergleichbar waren die Versuche nach der Wende, vom Westen in den Osten zu telefonieren. Na ja, lange her!

Nicht selten - auch nach einem erfüllten Arbeitstag - habe ich das Gefühl, dass ich nur von der Spitze des Eisbergs weiß, dass noch eine Menge Unerledigtes tief unter der Wasseroberfläche schlummert, lautlos noch wie ein gefesselter schlafender Riese im Bauch der Berge, der Kraft schöpft, bis er seine Ketten sprengt und ausbricht. Wenn ich mich bei solch subversiven Gefühlen ertappe, nehme ich mir eine kleine Auszeit. 

Gestern war es wieder soweit: 

Ich fuhr in eine sanft hügelige Gegend mit Weitsicht unweit meines Standortes, an einen Platz, an dem sich alte Römerwege kreuzen und die Blicke über eine Landschaft schweifen, die wie eine Theaterkulisse angeordnet ist, mit mäandernden Panoramen. Ich kurbelte die Fenster herunter, ließ die Februarsonne eindringen, imaginierte dieselbe Landschaft im Sommerlicht und starrte ins Grüne, bis mir die Augen tränten. Wanderer passierten mich, das ließ mich kalt. Ein fliehendes Pferd scheute vor einem vorbei brausenden Auto - auch das nahm ich kaum wahr. 

Ferne Klänge eines dörflichen Humba-humba-tätärä-Karnevalszug holten mich dann doch wieder ein. Mit behandschuhten Fingern griff ich mir ein Buch und las. Joyce Carol Oates Bekenntnis "Beim Schreiben allein" zu sein. Ja, Gott sei Dank ist man das! Eine Decke auf den Knien, die Pudelmütze auf dem Kopf, die Sonnenbrille auf der Nase, die Autotüren weit offen, denn die besonnte Februarluft war grandios - so bot ich wohl einen spaßigen Anblick. Schade, dass ich keine Thermoskanne voll Tee ... Das Kichern sich nähernder Kinder überhörte ich wohlwollend - "Die liest im Auto". Hat man nicht mal an Weiberfastnacht Narrenfreiheit? Dann fiel mir ein, dass es sich ja um rheinische Kinder handelte, die Karneval nur als streng regulierte und sehr ernst zu nehmende Angelegenheit kennen, bei der es im wesentlichen um mehr oder weniger olle "Kamelle" geht. Da beschloss ich noch eine Mütze Schlaf zu nehmen. Die Wagentüren hab ich diesmal geschlossen.



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