Freitag, 3. Oktober 2014

Aufgespießt: Und im Hotel als Frühstückszeitung nur ..

Es sind die ganz kleinen Erlebnisse am Rande, die haften bleiben. 

Kürzlich für 2 Business-Tage in einer deutschen Großstadt am Wasser, die für grundsolide Kaufmannsehre steht, nennen wir sie einfach das "Hoch im Norden". Aus dem burschikosen Rheinland eintreffend (wenn auch nicht stammend) kann das Eintauchen in hanseatische Reserviertheit einem veritablen Kühleschock gleichkommen, bis man hinter die Fassade blickt. Schnell Vertrautheit annehmende Gespräche neben dem Airport Gepäckband, Klönschnacks mit Taxifahrern, die fast ausnahmslos in entfernten Ländern geboren wurden und ganz fix tiefe Einblicke in ihr Leben gestatten, wechselten sich ab mit wortlosen Menschen in der S-Bahn und schemenhaft bleibenden Passanten in der Fußgängerzone, die Blickkontakt mieden. Klar, ich bin neugierig, aber sieht man mir das an? 

Im Viersterne-Haus zuvorkommende Distanziertheit - die in kregle Aufgeregtheit wechselt, als ich in meinem Zimmer ein nicht zu ortendes durchdringend bohrendes Geräusch wahrnehme (dessen Quelle sich später als meine elektrische Zahnbürste im Schalenkoffer herausstellt:-)) - Befremdliche Blicke, als ich an der Theke einen Zigarillo bestelle und auch bekomme, allerdings nicht anzünden darf, obwohl die Streichhölzer mitgeliefert werden - im Hotelpool ein exzessiver Schwimmer, dessen angestrengtes Schnauben mir Sorge macht - aber er überlebt unbeschadet - in der Nacht lärmige Nachbarn quer über dem Innenhof, Grabesruhe dagegen beim Frühstück, wo nur mein Zeitungsrascheln durch den temperierten Raum weht - übrigens lagen nur BILD und Welt aus - was sagt uns das? Früher konnte man in einem Businesshotel, das auf sich hielt, zwischen SZ/FAZ/Handelsblatt/Financial Times/WiWo/Spiegel/Focus und mehreren Regionalzeitungen wählen - wann genau war früher? Tempi passati. 

Abends auf der Flucht vor der pseudofeinen Hotelküche in einen appetitlichen Imbiss eingefallen - absolutes Kontrastprogramm - sympathisch-lockere unverkrampfte Inhaber servieren dort schmackhaftes Grillhuhn mit home-made Currysauce und scharfe Würste vom ausgewählten Metzger. Meine "Offenheit & Authentizität" (Zitat) verriet mich als Nicht-Einheimische und wir lachten, schwatzten und mokierten uns, bis wir uns als Freunde trennten. So schnell kann's gehen, auch im sogenannten Kühlen Norden, aber die Jungs kamen auch aus Albanien, Spanien und der Türkei - wenn auch längst assimiliert - das "Rahlstedter Grillhus" werde ich mir merken! (Das war gegenseitig, bereits Tags darauf verknüpfte es sich mit meinem Facebook-Account) 

Im Sommer 14 sei es im "Hoch im Norden" heißer als in Süddeutschland gewesen, klagte ein türkischstämmiger Taxifahrer. Er mag es kühl. Ich mutmaßte einen Eskimo unter seinen Vorfahren - er zog es ernsthaft in Betracht. Das beschäftigte mich derart, dass ich beim Eintreffen bei meinem Strategiemeeting einen konfusen Eindruck hinterließ. Man nahm es gelassen, schließlich kam ich ja aus dem reizüberfluteten Rheinland. Ein waschechter Einheimischer fuhr mich später zum Flughafen, seine von Palaver begleiteten riskanten Überholmanövern versetzten mich flugs in südliche Gefilde - während er wortreich gestikulierend chauffierte, teilte ihm seine Zentrale über Funk mit, dass er eben bei der Polizei angezeigt worden sei - was er mit coolem Pokerface aufnahm. Wechselbäder in Folge. 

Am Airport die üblichen Verdächtigen, vorwiegend Geschäftsleute in Schwarz, Grau, Mitternachtsblau mit White Collar, Businessladies im gedeckten Kostümchen, der Rest war bunt. Wie ich auch. Meine Brille fiel auf - orange mit Leopardenmuster. Gefiel mir. Als ich meinen Gang-Platz 4c (Beinfreiheit) einnahm, fühlte ich mich wie nach einem erfrischenden Auslandsaufenthalt und freute mich, als der Mittelplatz frei blieb und mein Gangnachbar mir sein in Zellophan verpacktes German Wings Bonbon überließ. 

Zurück in Köln fiel mir auf, dass auch im Rheinland nicht jeden Tag Karneval ist. Beruhigend.