Donnerstag, 9. Mai 2013

Und heute geht's mit "Die Nachmittage mit Max" weiter. Max hat sich bereits am 14.4. vorgestellt .. ein kleiner, nicht mehr junger Mann mit Kugelbäuchchen und einer festen Angewohnheit.

Folge 2:


...

Gott ja, man war in jungen Jahren kein feuriger Liebhaber gewesen, seinen Dienst in der Ehe hatte er mit der gleichen Dickfelligkeit versehen wie er die Militärzeit und die 38 Buchhalterjahre absolviert hatte, aber im Laufe des Lebens war er ein wenig auf den Geschmack gekommen. Seiner Seligen war das Nötigste gerade recht, gerade so viel, dass es auch zu zwei Kindern reichte, aber Max fand seine kleinen Nischen. Als er noch berufstätig war, verbrachte er die Zeit zwischen Büroschluß und Abendbrot vor abgedunkelten Sehschlitzen im Bahnhofsviertel, in denen er mit ein paar Geldmünzen eine Viertelstunde lang Glücksgefühle abrufen konnte, oder in seinem Opel Kadett den Straßenstrich entlang bummelnd, einige Sekunden lang in Blickkontakt mit den strengen Damen in Leder, die ihn in aufrechte Position brachten.
Und nun auf seine alten Tage – Mathilde! Ein Wonneproppen, rundlich, rosig, ringellockig, trug viel Rosa, duftete nach Jasmin, hatte ihr üppiges Fleisch straff gehalten. Und sie hatte Chancen: Betrat sie den Supermarkt am Breiten Markt, am späten Vormittag, wenn die Rentner des Viertels ihren Vorrat an Alete-Gläschen, Apfelmus und Katzenzungen durch die Gänge schoben, kam Bewegung in müde Glieder. 
Warum Mathilde gerade ihn angesprochen hatte, als sie mit ihren molligen Armen nicht an die Gewürzgurken im obersten Regal reichte, war ihm schleierhaft. Aber egal, es kam zu einem Gedankenaustausch über das Wetter und die politische Lage im allgemeinen, danach wurden sie schnell gute Freunde in der gemeinsamen Empörung über die Teuerung bei Aufschnitt und Kümmelkäse, und dann war es nur noch ein kleiner Schritt zum ersten verschämten Treffen im Park bei Vollmond, bei dem er sie zum Abschied auf das Wangenrouge küssen durfte. Max glühte vor Stolz. 
Und seitdem kam Mathilde regelmäßig. Einmal im Monat, die Nachbarn wussten schon Bescheid, dann wurde es immer ein bißchen lauter. Hatten aber Verständnis, was muß das muß. 

Und heute war es wieder soweit. Ein Blick auf die Uhr - nur noch ein paar Minuten. Max schmunzelte über seine geröteten Backen, er fühlte sich schwach und stark zugleich, prüfte seine Bizeps, machte ein paar Kniebeugen. Nicht überanstrengen, sonst ging ihm dann die Puste aus. In der Vorfreude hätte er beinahe seine Rituale versäumt. Schnell noch die Sofakissen aufschütteln und die Jalousien herunterlassen. Beim Raumspray nicht gespart! Moschus. Beleuchtung gedimmt. War der Schampus schon im Kühlfach? Her mit den Kirschpralinen! Ein rascher Blick in den Flurspiegel. Pas mal, dachte er sich beiläufig. Das hatte er einmal in einem französischen Film gehört, hatte ihm imponierte.
Da läutete es schon. Max schnaufte, grinste, strich sich über die Weste, die ein wenig spannte, was ihn veranlasste, den Bauch einzuziehen und sich mit einem straffenden Ruck durch den Kugelkörper in jugendliche Dynamik zu versetzen. Mit großem Schwung riss er die Wohnungstür auf, als wollte er die ganze Welt hereinlassen ..


Morgen dann Folge 3.