Montag, 23. Dezember 2013

Pauls Fest II & Happy Ending

so geht's weiter mit Paule, der in seiner Dachwohnung auf Weihnachten wartet. Wir erinnern uns, er hat gerade die Paketbotin gefragt, ob sie auf ein Glas Grog hereinkommen wolle. Sie zögerte einen Moment ..



... dann sagte sie gedehnt: „Ach Gott, warum nicht.“ 

Als sie gemeinsam in der abgewetzten Sitzgruppe saßen und den Grog schlürften, den Paul ordentlich stark gemachte hatte, fiel ihnen erst kein Gesprächsstoff ein. Paul räusperte sich und begann als erster: „Haben Sie denn Familie?“ - „Ach nee, dazu habe ich es nicht gebracht!“ - „Na ja, muss ja auch nicht, erspart einem vielleicht Ärger.“ Paul senkte den Kopf, beide schwiegen wieder. Paul rührte im Grogglas. Die Paketbotin hatte ihre Diensttasche abgelegt. Unter ihren Stiefeln begannen sich kleine Wasserpfützen auf dem Teppich zu bilden. Gerade an den abgetretenen Stellen. Im Raum war es jetzt mollig warm. Die Fenster beschlugen. Paul stand auf und stellte den Plattenspieler an. Auf dem Teller lag die einzige Platte mit Weihnachtsmusik, die er besaß. Sie war verkratzt, aber wenn man den Ton nicht zu laut stellte, klang sie noch ganz ordentlich. Kinderchor, Blechbläser, Tannenbaum. 

„Zu Hause hatten wir immer einen riesigen Weihnachtsbaum,“ fiel der Postbotin ein. - „Ach, und wo war denn das?“ - „Das werden Sie nicht kennen, das war in Thüringen, in der Nähe von Weimar, Winterstein.“ - „Wie? Sie kommen aus ..?“ Paul riss die Augen auf. „Aber ich doch auch.“ Die Postbotin setzte das Glas ab und sich kerzengerade hin. Ihre blauen Augen starrten Paul an. „Na, denn kennen Sie auch die Johanneskirche und das alte Schulhaus und den Marktplatz, wo immer die Weihnachtsbuden standen?“ -„Na klar. Als Kind bekam ich da Mutzenbrot.“ -„Mit Rosinen?“- „Mit Rosinen, Mandeln, Datteln und Orangeat.“ Beide guckten jetzt feierlich. Dazu jubilierte der Chor ganz passend: Oh du fröhliche. „Und den Pastor? Den ollen Schulze?“- „Na aber hallo, hat mich doch konfirmiert.“ Da packte die Postbotin Pauls Hände, die ganz rissig und rot waren, und sagte: „Also, ich bin die Lina.“ -„Paule.“ -„Na, wann hast du denn rübergemacht?“ Paul grübelte. „So mit 17. War erst am Theater, na ja, das mit der Schauspielerei hat nicht gereicht .. dann Inspizient .. als es mit den Augen immer schlechter wurde, Pförtner.“ Lina musterte ihn ausführlich. „Ich war von Anfang an bei der Post. Eigentlich wollte ich .., aber na ja, das is ja lange her ..“ Paul legte seine breiten Pfoten auf den Tisch und wischte ein paar imaginäre Krümel weg. Aus Linas Haarknoten löste sich eine Strähne. Ihre Wangen glühten. Ulkig, dachte Paul, sie hat ja kornblumenblaue Augen. 

Dann saßen sie sich gegenüber und machten ganz zufriedene Gesichter. Paul zündete die Kerzen auf dem Tannenzweig an. Draußen wirbelten Flocken gegen das Fenster. Mit einem Mal stemmte er sich vom Sofa hoch. Man hörte ihn in der Küche klappern, dann kam er mit einem Teller voll Stollen zurück. „Kein Mutzenbrot, aber auch gut“, sagte er. Beide griffen zu und bissen ab. Der Staubzucker wehte über die Glastisch, Teigkrumen bröselten. Paul hielt die Hand unter den Stollen und kaute vorsichtig. „Mit meinen Zähnen steht es nicht zum Besten.“ - „Na, und ich hab Rheuma. Kommt von der Zugluft im Postauto.“ – Nach einer Weile lehnte sich Paul zurück und grinste breit: „Ulkige Sache, was?“ Lina nahm ein zweites Stück. Im Zimmer breitete sich Tannenduft aus.

Danach kochte Paul Kaffee. Genauso stark wie den Grog. Nach zwei Tassen fiel Lina ihr Postwagen ein: „Nun muss ich mal los, wird ja schon dämmrig.“ Der Kinderchor machte Pause. Paul begleitete sie zur Tür. Lina schulterte ihren Beutel, Paul half nach. „Komm doch mal wieder“, meinte er eher beiläufig. Seine Stimme klang jetzt ganz anders. „Klar, beim nächsten Paket.“ - „Na, damit ist jetzt wohl Schluss.“- „Man soll nie nie sagen!“, erklärte Lina streng und zwinkerte. - „Frohes Fest.“ Er winkte ihr nach. Gerade läuteten die Glocken zur Christmette. 

Paul brachte die Platte neu in Fahrt und ging ins Bad. Dort besah er sich im Spiegel, griente sich zu und schabte über seine Bartstoppeln. Dann kramte er das Rasierzeug aus dem Wandschrank. Eingeschäumt sah er aus wie der Nikolaus.

Ende