Sonntag, 29. Dezember 2013

Sonntagsthema: Essen wie in der Steinzeit?




Varietas delectat – es lebe die Abwechslung.

Es scheint absurd: Unseren Vorfahren der Jungsteinzeit eröffnete sich eine reichhaltige Speisekammer und ihr Speisezettel war – außer in Dürrezeiten und in Zeiten des Klimawandels – ungleich artenreicher als unsere heutige Lebensmittelauswahl. Denn obwohl die Regale und TK-Truhen in den Supermärkten zu platzen drohen, greift der Durchschnittsesser in seiner alltäglichen Ernährung auf gerade mal 100 unterschiedliche Lebensmittel zurück. Ganz schön langweilig, oder? Und dabei hat Mutter Natur so reichlich vorgesorgt.

Dass sich der Jungsteinzeitmensch – bis zur Paläntologischen Revolution – trotz erschwerter Lebensbedingungen  eine viel gesündere und abwechslungsreichere Kost zuführte, behaupten nicht nur ausgewiesene Vertreter der Steinzeit-Diät (die im Grunde keine Diät, sondern eine Ernährungsumstellung ist). Die Jäger und Sammler vor Erfindung von Ackerbau und Viehzucht lebten ausschließlich, um sich auf ständiger Nahrungssuche am Leben zu erhalten. Was sich am Wegesrand als essbar erwies, wurde sofort verzehrt oder mitgeführt. Sie hatten auch einen ungleich höheren Kalorienbedarf durch ein Vielfaches an körperlicher Bewegung und pfundig viel wärmende Kalorien nötig, um ihre kalten Höhlen auszuhalten. Ihr Wildfleischkonsum soll groß gewesen sein. Forscher sprechen von 570 g pro Kopf/pro Tag.

Kraftquelle Protein

Ob das Jagdglück wirklich immer so viel einbrachte, darf allerdings bezweifelt werden. Jedoch von einem Mammut wurde alles verwertet, Innereien, Gekröse, alles, was essbar schien. Fell, Haut, Talg, Zähne, Knochen für Kleidung, Licht, Gerätschaften. Heute verschwinden die weniger edlen Teile eines Schlachtviehs im Tierfutter, da der Verbraucher sie ablehnt. Der Steinzeitmensch war aber gerade auf diese ganz instinktiv scharf (ungestützt von Studien :-)) wegen der darin enthaltenen Nähr- und Vitalstoffe (unverdaute Pflanzen).

Außerdem schöpfte er noch aus anderen bedeutenden Proteinquellen: Fisch und Getier aus Fluss, Meer und Bach und das vielfach auf dem Boden kriechende und in der Luft herumschwirrende Material an Insekten, Käfern, Würmern, Nagern, Lurchen, Schnecken, Wirbeltieren und anderem Krabbelzeug, was erwiesenermaßen eiweißreich ist. In Verbindung mit Kräutern, Nüssen, Wurzeln, Knollen, Pilzen, Beeren, Wildgemüsen, Fallobst, Blüten, Rinden tat sich ihm ein ziemlich reich gedeckter, wenn auch umkämpfter Tisch auf. 2000 verschiedene Lebensmittel hat er durchschnittlich für sich und sein Überleben genutzt. Sein deutlich besser ausgebildeter Instinkt verrieten ihm auch, welche er besser meiden sollte. 

Alte Lebensmittel vs. Industrialisiertes Futter

Brrhh – bei Insekten & Co schütteln wir uns, aber diese „vergessenen Lebensmittel“ kommen nach Ansicht der Ernährungs- und Paläo-Spezialistin Dr. Sabine Paul („Paläopower“, http://palaeo-power.de/) wieder hoch in Kurs. Auch Wildpflanzen (Brennesseln, Giersch, Gänseblümchen, Ringelblumen und Löwenzahn) legt sie uns ans einseitig ernährte Herz, alte Kulturpflanzen wie farbige Kartoffeln und schwarze Karotten, wild wachsende Pastinaken, Portulak, Wurzelpetersilie, Mangold.

Dass die Menschen der Altsteinzeit keine Milch, keinen weißen Zucker und keinen (oder kaum, denn gärendes Fallobst war natürlich auch alkoholhaltig) Alkohol oder andere Suchtmittel (Hanf ausgenommen) kannte, kein ausgemahlenes Mehl und daher auch kein Weißbrot, keine denaturierten Lebensmittel, keine Konservierungs-, Zusatz- und Fremdstoffe oder Nicht-Zutaten (dazu morgen mehr!), machte ihn offenbar pumperlgesund.

Die durchschnittliche Lebenserwartung war dennoch niedrig. Die hohe Säuglingssterblichkeit wirkt sich hier aus – und die Säbelzahntiger und Höhlenlöwen, die ebenfalls den ganzen Tag auf Beutesuche waren und zwischen Tier und Mensch keinen Unterschied machten. Vielleicht lag es auch ein Gutteil am gegenseitigen Beuteneid zwischen den Steinzeitmenschen, die zwischen recht und unrecht noch nicht unterschieden, sondern das Gesetz des Stärkeren walten ließen .. Ötzis Schicksal war sicherlich kein Einzelfall.

Die Gen-Falle

Verfechter der Paläo-Nahrung weisen darauf hin, dass unsere Gene seit gut 20.000 Jahren sich nur um ein knappes Prozentsatz verändert hätten, unsere Umwelt allerdings gewaltig. Der Steinzeitmensch war an seine Nahrung optimal angepasst. An die heutige Kost mussten wir uns in gewissen Maße auch anpassen, aber unsere Körper reagieren darauf nicht selten sauer – mit Zivilisationskrankheiten, Allergien, Unverträglichkeiten, durch Übersäuerung bedingten chronischen Krankheiten, degenerativen Erscheinungen, vielleicht auch psychischen oder neurologischen Veränderungen, wer weiß das schon.

Motto 2014

Was könnte daher der „gute Vorsatz“ für 2014 sein? Iss mehr Wurm, Schneck und Spinn’? In anderen Ethnien durchaus beliebte und gängige Lebensmittel.  Bei uns muss man da allerdings eine Menge Tabus knacken. Aber gut zu wissen, dass es diese Notreserven der Natur gibt! 

Na dann –  Waidmanns Heil!