Freitag, 5. April 2013


Oder auch um die Wassermelone ...


Die Stille der Wassermelone

Seit er seine Tage mehr und mehr zuhause verbrachte, war er sich seiner Reaktionen nicht mehr sicher. Dinge, die er früher gar nicht wahrgenommen hatte, erhielten für ihn nun neue Bedeutungen. Gerade überfiel ihn Lust, die Wassermelone, die auf der Anrichte neben der Spüle lag, mittels eines Beils achtkant zu spalten. Allerdings war eine mit einem dumpfen Schlag zum Schweigen gebrachte Wassermelone, in der ein scharf gerändertes Dreieck gerissen war, aus dem rot-wässeriger Saft quoll, kein Anblick, mit dem man eine hochschwangere Frau erfreuen konnte, die gerade im Begriff war, sich schwer auf den geschwollenen Gelenken aufstützend aus dem Sessel zu erheben und mit ihrem Bauch einen stillen Dialog zu führen. 

Aber das Gequatsche der Wassermelone war nicht mehr zu ertragen, es war zum Ausrasten, sie konnte einfach nicht die Klappe halten. Das war das eigentlich Weibliche an der Wassermelone, sie erinnerte ihn an seine Mutter, wie sie als junge Frau in der Küche stand und über die dumpfe Atmosphäre, die die Luft blähte, hinweg plapperte, sinnloses Zeug, wie es ihm schon als Kind schien, das er aber nicht abwehren konnte. Ausgeliefert und ohnmächtig musste er hinnehmen, dass seine Ohren mit einer sämigen Pampe verstopft wurden und er in einen tranigen Zustand von Geistesabwesenheit verfiel, was später zu seinem eigentlichen Wesensmerkmal werden sollte, ihm als Dreijährigen aber letztlich half, die qualvoll lange Zeit des auf ihn Einredens zu überstehen. 

Endlich hörte er sie schweigen. War es, weil sein Vater in der Zwischenzeit hinter die Mutter getreten war und ihr in einer Anwandlung von Mut die Hände um den Hals gelegt hatte? Hände, die gewohnt waren, kräftig zu zulangen, nicht die zartgliedrigen Finger eines Klavierspielers, sondern die eines rauen Burschens, der mit einem einzigen Schlag eine junge Birke zu fällen durchaus in der Lage war. Gleichmütig hatte er damals die auf dem Küchenboden ruhende Mutter betrachtet und den Vater, der plötzlich in sich hinein gesunken war und sein schweres Gesicht in den Schaufelhänden vergraben hielt. 

Warum also sollte er es nicht tun? Die Wassermelone zum Schweigen bringen? Frieden in seine kleine Welt zurückholen? - Während er in den Schuppen stapfte, um sein Werkzeug zu sortieren, lag ein Glanz in seinen tief liegenden Augen, der einem anderen als ihm einen kleinen Verdacht eingegeben hätte. Aber so weit war er noch lange nicht, dass er sich selbst erkannt hätte, geschweige denn, dem in ihm heiß aufglühenden Unmut Einhalt zu gebieten. Erst als er hinter dem Unrat der Jahre das Gesuchte gefunden und mit dem angefeuchteten Zeigefinger prüfend über die blanke Schärfe gestrichen hatte, kam Ruhe über ihn.